* Red Bull 26 Zoll – nur fliegen ist schöner

2 Dinge gehören seit Jahren unwiderruflich zusammen, Gummibärchensaft und Actionevents. Red Bull verleiht Flügel und dem Zuschauer zu Hause und vor Ort den nötigen Adrenalinkick. Die Red Bull Events sind mittlerweile mindestens genauso populär wie das gleichnamige Kaltgetränk. Diese spektakulären Events sind meist nur von Ausnahmesportlern zu meistern. Das „Red Bull 26 Zoll“ ist das Mountainbikerennen der anderen Art, welches auch für den gut trainierten Hobbysportler zu bewältigen ist.

2014 fand zum ersten Mal das „Red Bull 26 Zoll“ statt. Als damals die Überschrift auf meinem Bildschirm prangerte, war ich sichtlich verwirrt. Sollte Red Bull sich etwa der Rettung der Laufradgröße 26 Zoll verschrieben haben? Gründet Red Bull jetzt eine Foundation zum Schutze von bedrohten Mountainbikestandards? Mitnichten, der irreführende Name dieses Events ist nur unglücklich gewählt. Eigentlich hat „26 Zoll“ mehr mit Denkmal- als mit Artenschutz zu tun.

Eine Karte, viele Zielpunkte, aber kein Weg.
#1 Eine Karte, viele Zielpunkte, aber kein Weg.

Die Fakten zum „Red Bull 25 Zoll“ 2015:

126 Fahrer begeben sich ins Unesco Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“ mit Start und Ziel auf der Burg Rheinfels oberhalb von St. Goar. Die diesjährige Ausgabe des Rennens wird wohl die härteste Schnitzeljagd, die man auf einem Mountainbike fahren kann. Unter Zuhilfenahme einer von Red Bull zur Verfügung gestellten Navigations-App gilt es, 26 alte Zollstationen am Rhein und im Hunsrück anzufahren. Das ganze so schnell wie möglich. An den Zollstationen erhält man eine Zollmünze, diese werden gesammelt und müssen im Ziel abgeliefert werden. Derjenige, der am Ende die 150km mit den meisten Münzen und in der kürzesten Zeit zurück gelegt hat, ist Sieger. Ihn erwartet als Belohnung einen Trip nach Utah/USA. Der Haken ist die Navigation aus eigener Hand. Der Wurm am Haken der Red Bull Angel ist dann noch das Zeitlimit von 9 Stunden. Das alles bedeutet großen Spaß.

Um es mal mit den Worten von Claudio Caluori zum Ausdruck zu bringen, Uiuiuiuiuiuiuiuiui. Wer erwartet auch, dass eine Red Bull Veranstaltung ein Kindergeburtstag ist? Hoffentlich niemand! Ich bin auf jeden Fall dabei. Aber ich werde mit den 9 Stunden kämpfen und nicht um die Reise nach Utah.

Das Rennen verspricht wirklich viel. Es führt durch eine der schönsten Gegenden Deutschlands und jede einzelne der Burgen, Schlösser und Mauthöfe ist eine Reise wert. Immer schön auf einem Hügel thronend. Oben angekommen und nach Sauerstoff lechzend, darf – wer kann – noch die Aussicht genießen. Ein Hoch auf dieses Freilichtmuseum, ein Jippiheihe auf 3.500hm.

Es könnte alles so schön sein. Eine Woche vorher noch eine 300 km Runde vorbei an Rhein, Ahr und Erft gedreht, fühle ich mich bestens präpariert. Die Freude auf eine Entdeckungsreise durch das sich färbende Herbstlaub im goldenen Oktober wird durch einen Kältepfropfen zunichte gemacht. Der Pfropf suchte uns seit Anfang der Woche heim. Ein wirklich schmieriger, fröstelnder Spießgeselle, der bei 3 Grad und Schnee die Freude auf das Wochenende sinken lässt.

Start auf der Burg Rheinfels, standesgemäss.
#2 Start auf der Burg Rheinfels, standesgemäss.

Burg Rheinfels, imposantes Gemäuer über dem Rhein in St. Goar.
#3 Burg Rheinfels, imposantes Gemäuer über dem Rhein in St. Goar.

So stehen die Pedalritter der Zollburgenrunde Samstagmorgen auch recht warm eingepackt am Start. Erstaunlich viele Frauen haben den Weg an die Startlinie gefunden. Sind sie vielleicht die besseren Navigatoren? Siegt heute weibliche Intuition als Teil der kreativen Entwicklung zur vollständigen Emanzipation der Frau vom „Mythos Fahrerfrau“ zum Epos „Tretsau“?

Ich nehme es vorweg: Bei dem Trauerspiel „Orientierungslos in Boppard“ in 4 Akten werden sowohl Männlein wie Weiblein es schaffen, die Höhenmeterspirale gegen 4.000hm zu schrauben. Wir haben einen Plan. Frank Eggert und Monika Janzen sind das dominierende 24h Mix Team der Saison. Wir wollen zusammen die Herausforderung meistern.

Dass Frank bestens präpariert ist, wird einigen Fahrern in der Startaufstellung schnell klar. Er macht auch kein Geheimnis daraus. Schon nach dem ersten Anstieg bildet sich eine Gruppe mit wechselnder Besetzung. Die ersten Münzen sind schnell gesammelt. Asphalt, Schotter und Trails im Wechsel, danach Rudelkreiseln am Rhein. Die Ersten fallen hinten raus. Die Profis Tim Böhme und Markus Bauer kommen von hinten, und weg sind sie. Wir überlegen kurz, ob wir die erlaubte Seilbahnfahrt zum Vier-Seen-Blick machen oder lieber fahren. Der deutsche Meister sitzt schon in der Seilbahn und kuschelt mit seinem Spannmann. Recht hat er, die Aussicht ist klasse und die Pause eine willkommene Erholung.

Mit der von Red Bull zur Verfügung gestellten Navigationsapp konnte jeder Teilnehmer sich seine individuelle Route zusammen stellen.
#4 Mit der von Red Bull zur Verfügung gestellten Navigationsapp konnte jeder Teilnehmer sich seine individuelle Route zusammen stellen.

Der Bikepark in Boppard durfte mit dem Lift angefahren werden. Die gut 1km lange Strecke ist flowig und auch gut mit einemHardtail zu fahren.
#5 Der Bikepark in Boppard durfte mit dem Lift angefahren werden. Die gut 1km lange Strecke ist flowig und auch gut mit einemHardtail zu fahren.

Weiter geht es in die Weiten des Hunsrück bis fast an die Mosel. Im 300 hm langen Anstieg beweist unser Navigator, dass er zur Gattung der Tretochsen gehört. Tritt einfach sein Pedal ab. Nach sinnfreien Versuchen, das Problem mit unseren Pediküre-Sets zu reparieren, gibt Frank nach 32 km enttäuscht auf. Jetzt stehen wir Tretschweine ohne Fährtenochsen da. Die Gruppe sortiert sich wieder neu. Wir engagieren einfach 2 neue Navigatoren, die ein Rudel suchen.

Highlight unseres Ausflugs in die Seitentäler der Mosel ist die Ehrenburg. Mitten im Wald auf einem Felssporn im Ehrbachtal liegt diese Dornröschenburg. Die Kulisse ist traumhaft. Traumhaft sind auch die Kartoffelsuppe und das selbstgebackene Sauerteigbrot. Wehrgräben, Wälle, Falltore, gleich springt der Schinderhannes von der Wehr und beraubt uns unserer Beutemünzen.

Versorgungspunkt Ehrenburg, selbstgemachte Kartoffelsuppe mit Sauerteigbrot.
#6 Versorgungspunkt Ehrenburg, selbstgemachte Kartoffelsuppe mit Sauerteigbrot.

Monika Janzen, die spätere Siegerin der Frauen beim Tischgebet.
#7 Monika Janzen, die spätere Siegerin der Frauen beim Tischgebet.

Planung ist alles. Wie kommen wir aus dem Hunsrück am besten zurück an den Rhein?
#8 Planung ist alles. Wie kommen wir aus dem Hunsrück am besten zurück an den Rhein?

Der nachfolgende Trail ins Tal zur Mühle ist nicht minder spektakulär und gefährlich. Warum fahre ich eigentlich immer noch den „Maxxis Aspen“, schiesst es mir durch den Schädel. Kurz darauf rutsche ich bedenklich Richtung Abgrund. Dasselbe frage ich mich wieder beim folgenden recht langen feucht-schmierigen Anstieg erneut. Nach 350 hm bildet sich dann auch die Kerngruppe, die über die nächsten 70km Freud und Leid teilt. Ken, Ralf, Kevin, Moni und ich, 5 Freunde sollt ihr sein, auf Gedeih und Verderb über Stunden miteinander verbunden. Beim Kilometerraspeln über die Höhenzüge des Hunsrück weiß man, bei lauschigen 3 Grad, sehr schnell die Gesellschaft anderer Leidender zu schätzen.

Die vier Ritter mit ihrer Hofdame. Abflug auf den kniffligen Trail zur Mühle unterhalb der Ehrenburg.
#9 Die vier Ritter mit ihrer Hofdame. Abflug auf den kniffligen Trail zur Mühle unterhalb der Ehrenburg.

Hunsrückanstiege sind Hundsfott
#10 Hunsrückanstiege sind Hundsfott

75 km, die Hälfte ist geschafft. Der Rest ist jetzt nur noch ein Kinderspiel, nach den Höhentorturen von Boppard und Hunsrück. Ja, Einbildung ist auch eine Bildung. Burgen machen ja nur Sinn auf einer das Gelände beherrschenden Stellung. Rauf und runter, immer wieder. Schönburg, Burg Fürstenberg, Burg Sooneck und zum Schluß dann noch mal ganz nach oben zum Jägerhaus. Nach 110 km ist die Luft in der Gruppe langsam raus. Wir sammeln noch 2 weitere Fahrer ein und entscheiden, die Gruppe zu teilen. Ken, Sven und ich suchen das Heil in der Flucht nach vorne, um das Zeitlimit einzuhalten. Moni, Ralf, Kevin und Patrick versuchen Selbiges unter Auslassung von Zollstationen.

Trailhighlight des Tages ist die Abfahrt von Jägerhaus über den Schweizer Hof bis an den Rhein zur Burg Reichenstein, 3.000 Meter feinstes Geläuf mit 200 Tiefenmetern und wieder die Frage, ob das wohl gut geht mit meinen Semislicks.

Vom Rhein ging es immer wieder ab in Seitentäler zu den einzelnen Zollpunkten.
#11 Vom Rhein ging es immer wieder ab in Seitentäler zu den einzelnen Zollpunkten.

Am Ende hieß es ballern was das Zeug hält, um das Zeitlimit von 9 Stunden zu unterschreiten.
#12 Am Ende hieß es ballern was das Zeug hält, um das Zeitlimit von 9 Stunden zu unterschreiten.

Kurz vor knapp, nach Treppen und Stufen und der Fahrt auf dem Wehrgang ist das Ziel nahe am höchsten Punkt der Burg Rheinfels.
#13 Kurz vor knapp, nach Treppen und Stufen und der Fahrt auf dem Wehrgang ist das Ziel nahe am höchsten Punkt der Burg Rheinfels.

Auf den darauffolgenden 21 km zurück nach St. Goar zur Burg Rheinfels dürfen meine Reifen dann das tun wofür sie gemacht sind: rollen. Diese 21 km werden LEGENDÄR. Ein anderes Adjektiv wird dieser Rückfahrt nicht gerecht. Die Zeit drückt, es fehlt noch eine Zollstation in St. Goar und der 100hm Anstieg zur Burg mit dem darauf folgenden Parcours durch die Wehranlagen und dem Treppengeläuf zum höchsten Punkt der Burg. Eine knappe Stunde dafür ist sportlich. Und genau so wird es angegangen. Belgischer Kreisel mit 500m Rotation bei einem 30er-36er Schnitt. Das sollte doch funktionieren.

Ich stehe auf den Scheiß. Was interessieren mich meine Oberschenkel, Red Bull verleiht doch Flügel. Alles läuft bestens, bis nach 10 km Ken die Segel einholt. Sven und ich kreiseln umeinander wie ein Hund, der seinen Schwanz fängt. Wir, in der Annahme, bis auf die 2 offen stehenden Zollmünzen alle zu haben, sind schockiert. Auf unserer Navigations-App strahlt uns noch eine dritte fehlende Zollstation an. Wir müssen noch hoch zum Loreleyaussichtspunkt Maria-Ruh.

Nein, das ist aussichtslos. Jetzt noch 150 hm rauf und wieder runter würde uns aus dem Zeitlimit katapultieren. Wir treffen die richtige Entscheidung und fahren weiter. Sven hat noch genug Körner, aufrecht zur Burg Rheinfels zu pedalieren. Das Bild, welches ich abgebe, trägt den Untertitel „Arbeitsverweigerung“. Ich bin kurz geneigt, das Rad zu schieben. Bevor ich eine Entscheidung treffe, darf ich in die Wehranlage der Burg abbiegen. Einmal zwischen den massiven Mauern angelangt, geht der Rest wie von selbst. Am Ende liegen da 25 von 26 Zollmünzen in einer Zeit von 8:37:52,2h.

Red Bull 26 Zoll 2015 von ThomasMehr Mountainbike-Videos

Schön und gut, aber irgendwas mache ich falsch. Markus Bauer/ Kreidler Werksteam und Tim Böhme/ Team Bulls fahren mit der vollen Ausbeute von 26 Münzen eine Zeit von 6:49h. Das ist desaströs. Schön, dass der Drittplatzierte Felix Pembaur/Team Scott Campana zumindest in einer für mich nicht so demotivierenden Zeit ins Ziel kam, 7:48h.

Am Ende haben die Jungs unserer Gruppe trotzdem gewonnen. Wir haben unser Küken Moni als schnellste Frau im Feld durch gebracht. Monika Janzen hat wirklich wieder mal alles gegeben und verdient gegen die namhafte Konkurrenz gewonnen.
Red Bull 26 Zoll, ein Geheimtipp. Nein, das ist wohl jetzt vorbei. Das Ding rockt und ist super organisiert. Die Afterrace-Party setzt im großen Gewölbekeller nochmal einen drauf. Für mich definitiv neben 24h Duisburg das Highlight des Jahres. Red Bull 26 Zoll du und ich, wir haben noch eine Rechnung offen. Ich komme 2016 wieder und hole mir die Aussicht auf den Loreleyfelsen!

Wie von vielen erwartet ging das Podium an die Profis Markus Bauer und Tim Böhme. Felix Pembaur holte sich dem dritten Rang.
#14 Wie von vielen erwartet ging das Podium an die Profis Markus Bauer und Tim Böhme. Felix Pembaur holte sich dem dritten Rang.

Afterrace-Party im imposanten Gewölbekeller der Burg.
#15 Afterrace-Party im imposanten Gewölbekeller der Burg.

Der Herr hat Hunger. Red Bull hat alle Teilnehmer bestens versorgt.
#16 Der Herr hat Hunger. Red Bull hat alle Teilnehmer bestens versorgt.

 

Zum Abschluss noch ein paar Dankeschön:

Danke Red Bull für ein klasse Wochenende.
Danke an Frank und Moni vom Eulenexpress, immer eine Ehre mit euch fahren zu dürfen.
Danke an Kevin Vogt, Ken Kölzer, Ralf Höpfner für euren Teamgeist.
Danke an meinen belgischen Kreisel Sven Perleth für eine legendäre Fahrt.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi