Planet der Singlespeeder

Sachen am Rad wegzulassen, ohne Rücksicht darauf, ob das der gängigen Lesart des radsportiven Schubladendenkens entspricht, hat nicht nur etwas Nostalgisches. Es kann auch eine Möglichkeit des Protestes gegen den Mainstream sein. Sich vom Druck der Werbewirtschaft zu entkoppeln und sein Freizeitverhalten zu entschleunigen ist vielleicht die richtige Alternative, um Radkultur neu zu erleben. Man nehme Stahl, eine Starrgabel und nur einen Gang, zwei Laufräder, Bremsen, Lenker, Vorbau, Kurbel, Kette…. FERTIG.

Willkommen auf dem Planeten der Singlespeeder!

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Es ist schon komisch, was ein Eingänger bei einem bewirken kann. Ich habe dieses vollkommen neue Erlebnis schon vor Jahren kennenlernen dürfen. Seitdem führe ich die Passion des Weglassens fort. Mein Lieblingsrad im Keller ist ein Genesis Fortitude Adventure. Nur wie kommt man auf die Idee, sich durch eine Mangelerscheinung am Rad zu kasteien? Bevor der erste Schritt getan ist, hat man im Regelfall vorher schon diesen „Haben will“ Effekt über einen längeren Zeitraum durchlebt. Dieser wird meist ausgelöst durch die Begeisterung für die puristische Ästhetik eines Singlespeeders. Leidenschaft zum Radsport ist eine große Motivation, Singlespeed zu fahren. Daraus erwächst dann vielleicht auch die Liebe zu dieser Art der Fortbewegung. Die Leidenschaft, die ein paar zusammengebrutzelte Stahlrohre bei einigen von uns erzeugen können, ist schon sonderbar.

Liebe kann man nicht erzwingen und Leidenschaft ist ein Feuer, das genährt werden will.

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Die Kasteiung fängt an mit einem Sprung ins kalte Wasser des Selbstversuchs. Da ist der große Tag der ersten Ausfahrt. Der Planet der Singlespeeder ist zu Anfang ein einsamer Ort. Der Spartaner auf seinem Neuerwerb wird selten auf Artgenossen treffen. Je bergiger das Geläuf, desto schneller erfährt er sich dieses Gefühl der Einsamkeit. Im Regelfall braucht es nicht lange, bis sich der Novize die Frage nach dem Sinn und Zweck seines Handelns stellt.

Entweder ist die Übersetzung zu dünn oder er ist zu schwach. Das Wiegetrittfahren über Wurzeltrails ohne Federgabel hat dazu etwas von Selbstverstümmelung. Schnell schmerzen die Handgelenke und ein starkes Ziehen im Bizeps stellt sich ein. Die Lunge pfeift und die Kniescheiben versuchen per Anhalter nach Hause zu kommen. Bergrunter scheppert es nur in den Armen und in der Ebene tritt man sich im Nähmaschinen-Modus zum Herzkammerflimmern. Und das soll toll sein? Die Haltung des Fahrers hat nach kurzer Zeit meist einen bemitleidenswerten Zustand angenommen. Ästhetisch ist jetzt nur noch das Rad. Die gute Nachricht: Hat man erstmal das passende Setup gefunden, die Wahrnehmung den Singlespeedgegebenheiten angepasst und die Körperhaltung korrigiert, kommt der Spaß schnell zurück.

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Dann kommt der Moment, den das Singlespeed fahren so einzigartig macht. Seitdem ist das Eingangtreten meine liebste Art der Fortbewegung. Die Wahrnehmung der Umgebung ist das erste was sich ändert. Dieser eine Gang macht alles so intensiv, man muss planen, denken, einteilen, man hat nur diesen einen Gang. Man muss die Sinne schärfen, muss das Gelände lesen, eine Starrgabel verzeiht keinen Fehler. Der Wechsel zwischen Sitzen, Wiegetreten, Spinnen und Durchtreten wird zur Kunstform etabliert. Einen Berg durchzufahren wird strategisch geplant. Mit der richtigen Geschwindigkeit in den Anstieg zu gehen und oben in Slowmotion vom Anstieg ausgespuckt zu werden, ist einzigartig berauschend. Es ist der Augenblick, wo das Leben in Zeitraffer an dir vorbeizieht. Der Moment, wo Fahrer, Rad und die vorbeiziehende Kulisse eine Symbiose bilden. Dieser Moment, in dem man eins ist. Das Feuer der Leidenschaft wird niemals mehr verlöschen.

Steigerung in der Beklopptenhitliste ist es, mit dem SSP bei Marathon-Rennen zu starten. Am Start wird man noch belächelt. Dies weicht dann während des Rennes einem Kopfschütteln und endet dann sehr häufig bei anerkennendem Schulterklopfen.

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Das läuft dann so:

Start, das Fahrerfeld jagt davon. Ich kurbele mir einen Wolf. In der Anfahrt zum ersten Anstieg werde ich von vielen angestrengt aussehenden Rennfahrern überholt. Dann kommt die Steigung. Eine angestrengt aussehender Eingang-Fahrer überholt die eben gesehenen Rennfahrer im Wiegetritt mit viel zu hoher Geschwindigkeit. Oben, kurz vorm Kollabieren, geht es ins Gefälle. Dort überholt der Einzelgänger weitere Rennfahrer in windgerechter Haltung auf dem Oberrohr sitzend. Im flachen und im leichten Anstieg werde ich wieder, von den mir bekannten angestrengt aussehenden Rennfahrern, überholt. Das wiederholt sich stetig. Singlespeeder fahren ein Rennen im Rennen, konträr. Sie machen immer genau das Gegenteil von dem, was alle anderen tun!

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Bei einer gemeinsamen Tour in einer Gruppe ist das natürlich ähnlich. Man kann ja kaum erwarten, dass sich eine Mehrheit den Gegebenheiten des Eingangkurbelns anpasst. Singlespeeder suchen Singlespeeder. Um sich besser zu finden, pflegen die meisten auch eine äußerst ausgefallene Bekleidungsetikette. Socken und Trikot als Pheromon zur Rudelbildung. So finden häufig mehrere Gleichgesinnte zusammen. Und wenn ich ehrlich bin, bin ich nicht der Einzige, und bei weitem nicht der auffälligste Komponentenverächter, der nicht richtig dreht. Das macht mir diesen Planeten so sympathisch.

Vielleicht schüttelt ihr jetzt mit dem Kopf – oder aber, ihr habt mal Lust auf etwas anderes bekommen. Dann wird es euren Geist bereichern.

In diesem Sinne Think Pink – eure Muschi