* Drenthe200 Ultramarathon – Moddertrophy

Der Dezember, Zimtstangen und Weihnachtsmärkte, Spekulatius und Weihnachtsgans. Es gibt kaum einen Monat, der vor Klischees so strotzt und wo die Erwartungshaltung an das Kommende so hoch ist. Statt mich von den kulinarischen Ausschweifungen des Christfestes zu erholen, kämpfe ich mit meinen unerfüllten Sehnsüchten nach Glanz und Gloria. In der Hoffnung, meine gute Form des Oktobers über den dunklen Dezember zu retten, plane ich, „zwischen den Jahren“ noch ein Rennen zu fahren.

Wie die Belgier sind auch unsere niederländischen Freunde für ihre extravaganten Mountainbikerennen bekannt. Die Belgier haben ihre knüppelharten, mit Höhenmetern überladenen Frühjahrsrennen in den Ardennen. Die Niederländer haben ihre winterlichen Strandrennen, und sie haben das Drenthe200. Hier gibt es keinen Strand. Als Ersatz gibt es aber viele Kilometer, 200 an der Zahl. Das Zeitlimit beträgt 17 Stunden. Eigentlich sollten 200km in 17 Stunden im flachen Holland keine große Kunst sein. Aber wir schreiben den 28. Dezember, wenn andere vollgestopft wie eine Mastgans durch die vier Wände wackeln.

Am Start
#1 Am Start

Erster Startblock - Fatbikes
#2 Erster Startblock – Fatbikes

Fliegender Start, rustikal aus dem Kofferraum abgewunken.
#3 Fliegender Start, rustikal aus dem Kofferraum abgewunken.

Als besonderes Schmankerl wird in diesem Rennen auch noch die niederländische Meisterschaft für Fatbikes im Ultramarathon ausgetragen. Dieser Umstand sollte eine hochkarätige Konkurrenz garantieren.

Fünf Uhr morgens und ich stehe in Roden am nördlichsten Ende der niederländischen Provinz Drenthe und habe keine Vorstellung, was mich erwartet. Diät zu halten habe ich geschafft über die Festtage, dafür hat das mit der Form nicht geklappt. In Erwartung von Frost, Schnee und Eis hatte ich mich im Vorfeld mit warmer Kleidung und heizbaren Schuhsohlen präpariert. Aber wir haben Frühling im Winter. Bei den Startvorbereitungen verschwende ich ganz kurz einen Gedanken an ein Kurzarmtrikot in dieser Wintersommernacht.

Im dunkelsten Dunkel stehe ich vor einem Flatterband mit 399 anderen Bekloppten. Wir warten auf den Startschuss, in froher Erwartung auf die Bescherung, die uns auf den folgenden 200 km erwartet. Fatbikes ab in den ersten Startblock und die schnellsten 29er und Crosser in den letzten. Trotz einer neutralisierten Phase bricht danach die absolute Hektik aus. Selten habe ich ein so wildes Gerangel um die besten Plätze im Feld erlebt. Es dauert an die 5 km, bis sich das Feld halbwegs sortiert hat. Die Dunkelheit und die ersten schlammigen Wege, vorbei an Kanälen, hinterlassen einen ersten bleibenden Eindruck auf die kommenden Modderspiele.

Alle 30 km gab es eine Verpflegungsstation, inklusive Publikum.
#4 Alle 30 km gab es eine Verpflegungsstation, inklusive Publikum.

Beschwerden über die Reichhaltigkeit gab es nicht.
#5 Beschwerden über die Reichhaltigkeit gab es nicht.

Es formiert sich eine große Gruppe an der Spitze, der ich nicht folgen kann. Die Böden sind extrem schwer und saugen mir die Kraft aus den Beinen. Auch die zweite Verfolgergruppe ist mir zu schnell. Erst die dritte motiviert mich, mehr zu investieren, denn es ziehen 2 Fatbikes an mir vorbei. Geschätzte 5-6 Fatbikefahrer befinden sich jetzt vor uns. Hinter dem Podium scheint noch alles offen zu sein. Ganz vorne fahren ein paar ganz harte fätte Hunde mit den 29ern um die Wette. Die Böden sind eine echte Herausforderung beim Kampf um die Ideallinie, die Dunkelheit macht es nicht besser. Menschen die im Dreck liegen, das ist der Normalfall. Von „Land unter“ bis unfahrbar, das Repertoire ist umfangreich. Es ist egal, ob dünne oder dicke Stollenreifen zum Angriff blasen, eine falsche Entscheidung und du bist der Verlierer. Irgendwann taugt der beste Modder nix mehr. Die Modderspiele 2015 finden hier im Norden Hollands definitiv ihren Abschluss. Die vielen Crosser, mit ihren Moddertrennscheiben, kommen hier noch am besten weg.

Die Gruppe zusammen zu halten ist schwierig, jede Schlammpassage, jedes Modderloch und jeder Sturz reißt die Gruppe auseinander. Die gerissenen Löcher zu zu fahren ist kräftezehrend. Aber nur in der Gruppe habe ich überhaupt eine Chance, weiter nach vorne zu kommen.

Bei km 30 werfen wir den ersten Blick in das Landschaftsschutzgebiet „Drenthsche Aa“.

Sonnenaufgang im Naturschutzgebiet
#6 Sonnenaufgang im Naturschutzgebiet „Drenthsche Aa“

Im Rennen sind sowohl MTB's, Crosser wie auch Fatbikes zugelassen.
#7 Im Rennen sind sowohl MTB’s, Crosser wie auch Fatbikes zugelassen.

Modderspiele
#8 Modderspiele

Heute werden mal Ausnahmen gemacht.
#9 Heute werden mal Ausnahmen gemacht.

Sandböden, Heidelandschaft und lichte Wälder mit Trails durchsetzt lassen einen schnell vergessen, dass meine liebgewonnenen Höhenmeter fehlen. Die werden jedoch durch die wasserdurchsetzte Konsistenz der Böden ersetzt. Das erste fahle Licht sucht die Dunkelheit zu durchdringen. Eine leichte Melancholie liegt über der Landschaft, und kurze Zeit später auch auf mir.

Zehn Kilometer später kündigen sich Hüftprobleme an. Ich wende die Standardtaktik an: Ignoranz. Es wird geballert was das Zeug hält, unser Schnitt bewegt sich immer noch jenseits der 23 km/h.

Bei Kilometer 50 werden aber die Schmerzen beidseitig meines Beckens ärger. Es hat sich zu Ende ignoriert, wenn der Schmerz das Denken bestimmt. Frustriert muss ich rausnehmen und meine Gruppe ziehen lassen. Umgeschaltet auf Touristikbetrieb will ich weiterfahren. Der verminderte Druck auf dem Pedal macht den Schmerz auch erträglicher. Die Landschaft ist grandios, Kanäle, Seen, super Trails. Hier und da ein Sandhaufen, mit ein paar Höhenmetern geht es ins nächste Trailparadies.

Es gab auch halbwegs trockene Passagen...
#10 Es gab auch halbwegs trockene Passagen…

...in Erinnerung aber bleiben die anderen.
#11 …in Erinnerung aber bleiben die anderen.

In der Gruppe fährt es sich immer lustiger.
#12 In der Gruppe fährt es sich immer lustiger.

Der spätere Sieger Onno Reijnhout fährt eine unglaubliche Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h.
#13 Der spätere Sieger Onno Reijnhout fährt eine unglaubliche Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h.

Als der Schmerz in die Knie wandert, ziehe ich die einzig sinnvolle Konsequenz und steige nach 80 Kilometern zum zweiten Mal in meinem Radfahrerleben aus einem Rennen aus.

„Muschi goes Pussy“.

Ich bin zwar kein Indikator für die Härte eines Rennens, aber eine Ausfallquote von über 10% sprechen für sich. Es beruhigt mich, dass die Lokalmatadoren am Ende die besondere Härte der diesjährigen Ausgabe der Drenthe200 bestätigen werden. Wie Hohn prangt da aber die Siegerzeit von 7.56 h im Ziel über mir. Ein 25er Schnitt bei diesen Streckenbedingungen lassen mich in Demut vor dieser Leistung erstarren. Nicht minder beeindruckend: die Siegerzeit des besten Fatbikefahrers und neuen niederländischen Meisters Jos Harms, der in 8.56 h ins Ziel kommt. Alleine die Tatsache, dass er mit der fünfzehntbesten Zeit ins Ziel kommt, lässt darüber nachdenken, was mit einem leichten 29er möglich gewesen wäre.

Meine Empfehlung für das nächste Jahr, für alle, denen zwischen alter und neuer Saison die Decke auf den Kopf fällt – das Drenthe200.

Es dauerte ein paar Minuten bis der Sieger wieder sprechen konnte, dann aber genoss er als Lokalmatador seinen Sieg.
#14 Es dauerte ein paar Minuten bis der Sieger wieder sprechen konnte, dann aber genoss er als Lokalmatador seinen Sieg.

Als Schwergewicht den meisten 29ern gezeigt wo der Hammer hängt.
#15 Als Schwergewicht den meisten 29ern gezeigt wo der Hammer hängt.

Fat4Race:

Das Pivot Les FAT hat mir großen Spaß auf den Trails gemacht. Es ließ sich in der Konfiguration mit kurzem Vorbau spielerisch über die Trails bewegen. Mit seinem geringen Gewicht von 12 kg ist das Pivot ein Fatbike mit Vorwärtsdrang. Über die Sinnhaftigkeit aber, bei so schlechten Bedingungen mit einem Fatbike ein Ultramarathonrennen zu fahren, lässt sich nicht streiten. Es ist schlichtweg sinnfrei ohne Fatbikewertung. Die viel höhere Leistung, die ein Fatbikefahrer treten muss, stehen in keinem Verhältnis zum fahrerischen Mehrwert, den das Rad erbringt.

Der Maxxis Mammoth ist genauso schnell am Ende wie jeder andere mässig profilierte Reifen. Wenn er sich zugesetzt hat, sorgt er für Adrenalinschübe bei den folgenden Rutschpartien. Crosser waren mit ihren dünnen Reifen bei den wirklich schlammigen Bedingungen meist im Vorteil. Die drei Erstplatzierten fuhren alle auf schnellen Rennreifen wie „Fast Track“ und „Ikon“. Ich bin 100% davon überzeugt, dass ein gröberes Profil in den Modderpassagen keinen erheblichen Vorteil erbracht hätten, aber auf den festeren Untergründen ein Bremsanker gewesen wären.

Ein ausführlicher Fahrbericht zum Pivot LES Fat folgt kommenden Mittwoch in den News.

Was sagte ich noch gleich, bleibt von solchen Rennen in Erinnerung?
#16 Was sagte ich noch gleich, bleibt von solchen Rennen in Erinnerung?

DNF:

Das größte Handicap ALLER Fatbikes ist der miserable Q-Faktor der Kurbeln. Messen wir gewöhnlich einen Abstand von 164mm zwischen den Kurbelarmen, so liegt er bei fast allen Fatbikes jenseits der 200mm. Das natürlich auch in Abhängigkeit zur möglichen Reifenbreite. Das ist auch für jeden sofort spürbar. Fahrer mit schmalem Becken haben hier das grössere Handicap. Sie treten noch stärker nach aussen. Das kann Schmerzen in den Hüftgelenken und Kniegelenken verursachen, so wie dies bei mir der Fall ist. Warum dieses Phänomen erst bei diesem Rennen so stark zum Tragen gekommen ist, wo ich ja seit einem halben Jahr verschiedene Fatbikes gefahren bin, ist schnell klar. Kein Fatbike hatte bis jetzt die Möglichkeit 5 Zoll breite Reifen zu fahren. Auch die sehr, sehr starke Belastung während der Drenthe 200 waren ein Grund. Teilweise habe ich längere Zeit sehr hohe Leistungen getreten. In Duisburg war die getretene Leistung geringer, da über einen viel längeren Zeitraum verteilt. Die Streckenverhältnisse waren dort auch viel einfacher.

Jeder, der sich mit dem Gedanken trägt, Fatbike zu fahren, sollte dies auch tun. Die Dinger machen einen Heidenspaß. Aber das Wichtigste ist im Vorfeld eine ausgiebige Testfahrt zu machen, um sicher zu stellen, dass der höhere Q-Faktor keine Probleme bereitet. Dabei empfiehlt es sich, auch mal eine längere Distanz auf Anschlag zu fahren.

Regeneration zwischen Ebbe und Flut
#17 Regeneration zwischen Ebbe und Flut

Am Ende bin ich nun mit Fat4Race. Spaß hat es gemacht und die Erfolge, die ich mit einem Fatbike im Rennen hatte sind Beweis genug, das es funktionieren kann. Das ist aber immer abhängig von Renndistanz, Streckenbedingungen und der Art des Rennens. Grundsätzlich kann ein Fatbike nicht ganz vorne mitfahren, dafür ist das Handicap zu groß. Nur so zum Spaß oder zur Qual geht es immer. Aber man sieht bei Rennen wie dem Drenthe200, dass es auch Rennen mit eigener Fatbikewertung gibt.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi

Fotos: Eppo Karsijns Media, http://wielerbeeld.nl