* Ein Ratschlag zum Rad

Gepriesen seien die unter uns, die wissen was sie tun! Alle anderen sind mehr oder weniger Opfer. Opfer ihrer eigenen Vorstellungen, Opfer von Manipulation, von Habgier oder Opfer ihrer Leichtgläubigkeit. Aber solange man die Opferrolle nicht wahrnimmt, sind wir ja alle gerne Gläubige im Konsumtempel ökologisch wertvoller Fortbewegung.

Wenn die Glückshormone erst mal den Körper durchflutet haben, ist alles andere eh egal. Auch ich hebe die Hand, wenn es darum geht sich von den tollen Dingen rund um das Rad manipulieren zu lassen. Aber bleibt das Wesentliche dabei nicht manchmal auf der Strecke?

So wie bei Gottfried Lange-Qual: Der gute Mann will ein neues Mountainbike. Gottfried Lange-Qual ist Durchschnitt, ein ganz normaler Hobbybiker, Ende dreißig, verheiratet, zwei Kinder, Reihenhaus, leichter Bauchansatz, lichter werdendes Haar mit leichter Tendenz zu einer Midlifecrisis. Er fährt seit vier Jahren auf seinem acht Jahre alten 26 Zoll MTB durch den Wald. Er ist glücklich, dort kann er abschalten und entspannen. Gerne ist er alleine unterwegs, noch lieber mit seinen Freunden Henning und Klaus-Peter.

Henning hat seit drei Monaten ein neues MTB, ein 650b Fully mit 140mm Federweg vorne und hinten. Henning ist jetzt der Prinz von Sachsen-Anhalt im Wald. Seine Attitüde auf dem Rad, seine Ausstrahlung, alles weist darauf hin, dass er den Hauptgewinn gezogen hat. Gottfried braucht auch so ein Spaßgerät. Er will sich auch fühlen wie Gott im Spessart.

Gottfried nicht doof, informiert sich in den einschlägigen Fachzeitschriften und im Internet über das, was im Moment hipp ist. In der großen Welt des Radsports gibt es vielfältige Möglichkeiten, dass für sich perfekte Rad zu finden. Auch in Foren können viele sportinteressierte Menschen bestens weiterhelfen. Die Vielfalt an den gebotenen Informationen ist verwirrend, manchmal widersprüchlich. Das beeindruckt Gottfried nicht. Akribisch liest er Testberichte zu 29er, 650b und Plusformaten. Er analysiert seine Körpermaße, um die passende Rahmengröße zu ermitteln. Er liest sich ein, in die unendlichen Weiten der Bike-Kategorien. Federweg, Vorbaulängen, Variostützen, neue Geometrien, Umwerfer oder 1×12, das Internet hat auf alle seine Fragen eine Antwort. Dann auch noch die Qual der Wahl, Versender oder Fachhändler? Gottfried will das Beste und das Tollste für sein Geld.

Er und seine Jungs sind die Standard-40km-Waldautobahn-Kaffeekränzchenplauscher. Trails hat man auch schon mal gesehen. Aber zumeist ist die Herausforderung beim Quatschen, nicht das tiefste Schlagloch zu erwischen. Frauen lachen jetzt, aber für Männer ist Multitasking eine ernst zu nehmende Sache. Doch die Jungs waren glücklich und zufrieden, bis sie angefangen haben, sich ernsthaft mit ihren Sportgeräten auseinanderzusetzen. Nun ist Schluss mit dem alten Schrott, denn jetzt wird aufgerüstet. Gottfried ist sicher, er braucht ein Fully. Allein schon, weil es so rückenschonend ist. Und fahrtechnisch profitiert er wohl auch davon.

Schon ist er in die Falle der Suggestion getappt. Natürlich ist es einfacher, die schlecht trainierte Rückenmuskulatur durch einen gefederten Hinterbau weiter zu benachteiligen. Es war immer schon einfacher, dem Unfug bei Fuß zu folgen. Dass ein Fully gegen Rückenschmerzen hilft, hört sich auch viel besser an. Dem Rat eine Chance zu geben, die Rückenmuskulatur durch Übungen zu trainieren, macht keinen Spaß. Ihr kennt das? Man lässt sich doch gerne lenken. Es müssen nur die richtigen Knöpfe gedrückt werden. Jeden Monat hängen wir vor dem Zeitungsständer, um ja nicht die Neuauflage von Deutschland sucht den CC-XC-MA-AM-TR-DH-FR-GR Star zu verpassen. Ein Biker auf der Suche nach dem besten Mix der 80er, 90er und 2000er Jahre. Ich bin dabei.

# Grauzonenbiker

Gottfried und seine Freunde haben gelesen, dass Mountainbiken auf Trails am meisten Spaß macht. Bestimmt gibt es auch bei ihnen tolle Pfade zu erkunden. Alleine darum wäre doch ein Allmountain-Bike die richtige Wahl. Und schon wieder in eine Konsumfalle getreten. Highend mit eingebauter Linienwahl ersetzt keine Fahrtechnik. Nur das sagt ihm niemand, und am Fahrtechnikkurs verdient sowieso einzig der Kursleiter. Alles Nepp und sinnbefreit. Ja ist klar!

Je länger Gottfried sich mit dem Thema beschäftigt, desto weniger weiß er. Ist ein Allmountain wirklich die richtige Wahl, oder ist vielleicht eins dieser neumodischen Trailbikes das Maß der Dinge? Wäre ein Enduro auf lange Sicht nicht das bessere Bike, um mit den Anforderungen und Ansprüchen zu wachsen? Wird 650b auch wieder sterben, weil B+ die Welt erobert? Darf man eigentlich noch Felgen unter 25mm Maulweite fahren? OMG, wieso gibt es eigentlich Endurohardtails? Das passt nun aber gar nicht in irgendeine Schublade.

Präpariert mit Halbwissen, und getrieben von Irrationalität, steht Gottfried dann vor dem Fachhändler seiner Wahl. Niemand kann sich jetzt noch zwischen ihn und sein neues Spaßmobil stellen! Ja, der Fachhändler ist kompetent. Er versucht im Gespräch herauszufinden, welches das richtige Rad für den Enthusiasten ist. Aber was nutzt all die über Jahre erworbene Kompetenz des Händlers, wenn sie auf die Ignoranz eines Kunden trifft?

Der freundliche Bikedealer ist der Meinung, dass Gottfried für seine Ansprüche kein AM-Fully braucht. Gottfried will das nicht hören. Er will ein 140/140mm Fully. Unser Händler hat 2 Optionen. Er wiederholt seine Meinung und der Kunde wird nicht seiner bleiben oder er beugt sich dem Kundenwunsch. Das Dilemma für den Händler ist groß, egal wie es kommt. Wird Herr Lange-Qual später feststellen, auf dem falschen Rad zu sitzen, wird dies wohl alleine an der Inkompetenz des Händlers liegen. Als Opfer der eigenen Wahrnehmung wird er sich nie sehen.

Der freundliche Fachhändler lässt Herrn Lange-Qual seinen Willen. Dem ist nach seinem wochenlangen Crashkurs in Bikekunde sowieso nicht mehr zu helfen. Warum sollte der Knecht der Radindustrie auch die Kompetenz des Kunden in Frage stellen? Damit er zur Konkurrenz abwandert?

Da es Versender gibt, glaubt Gottfried auch noch auf einem Basar zu sein. „Was ist letzte Preis???“ Finden Konsument und Einzelhändler nicht zusammen, ist der Weg frei für den Versender. Warum sich auch in einem Radladen vorführen lassen? Wenn Gottfried Rat sucht, holt er sich den bei seinen Jungs. Der Versender macht es ihm dann auch noch leicht. Über einen Konfigurator und ein Frage-Antwortspiel findet er sein Rad. Und das Beste ist, er bestimmt das Spiel und keiner widerspricht. Hat er am Ende sein Rad gefunden, bleibt zu hoffen dass es die eine Sehnsucht erfüllt, die im Vordergrund steht… Spaß haben!

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi