* Kein Doping ist auch keine Lösung

Ich finde das Thema Doping lästig. Es versaut mir den Tag und den Genuss einer Sportveranstaltung. Aber am meisten penetriert mich die Berichterstattung darüber. Mir kommt es zu den Ohren raus, von jedem und allen vollgejammert zu werden. Das alles zu einem Zustand im Radsport, der schon hinlänglich und erschöpfend erörtert worden ist. Manchmal habe ich das Gefühl, Sadomasochist zu sein, wenn ich das öffentlich-rechtliche Fernsehen einschalte. Denn eins ist Fakt, irgendein Reporter mit Dackelblick und schmerzverzerrtem Gesicht drückt nochmal den Daumen in die nie abheilende Wunde des Dopings im Radsport.

“Im Radsport wie im Sport allgemein wird immer gedopt werden. Genauso wie in der Politik immer geschmiert und in der Wirtschaft immer bestochen wird.” Marcel Wüst

Eigentlich müssen sich alle anderen Sportarten freuen, weil der Radsport sich geopfert hat, die Doping-Problematik im Leistungssport auf sich zu lenken. Damit rücken Dopingfälle in anderen Sportarten, wenn sie denn überhaupt ernsthaft verfolgt werden, gar nicht so stark in den Fokus der Medien. Die aktuellen Fälle in der Leichtathletik sind da eine Ausnahme. Wahrscheinlich geht es dort aber nicht wirklich um Doping, sondern um wirklich ernsthafte Dinge, wie Geld, Macht oder Schwanzlängenvergleich unter Politikern.

“Doping ist ein gesellschaftliches Problem. Ist ein Wonderbra nicht auch schon Doping? Du täuschst vor, was du nicht hast.“ Tim Lobinger

Ob und wie sinnvoll die aktuellen Versuche sind, Doping im Radsport zu vermeiden und zu bestrafen, kann ich nicht beurteilen. Ich stecke da nicht so tief im Thema drin, weil es mir schlichtweg egal ist. Ein Aufschrei geht durch das Publikum. Was habe ich nur gesagt? Das ist eure Gelegenheit, einen Moment inne zu halten und nachzudenken, bevor ihr mich steinigt.

Ja, gedopt wurde immer! Früher – so ganz früher, als es noch um die Qualität des Rotweins beim Dopen ging, gab es ja noch nicht einmal diesen Begriff. Als dann aber jeder Sportler mit einem Chemiebaukasten an sich selber herum experimentieren konnte und sich die Todesfälle häuften, konnten sich die Verbände nicht mehr gegen das Thema Doping wehren. Gehandelt wurde aber nur soweit, wie es nötig war, um eine Medienöffentlichkeit zu beruhigen. Das wirft doch die Frage auf, wie ernsthaft Verbände wirklich Antidoping-Kampagnen betreiben, deren Offizielle selber noch in einem System des Dopings, der Duldung und der Akzeptanz großgeworden sind.

“Es gibt eine Tendenz, die Dummheiten der Vergangenheit zur wichtigsten Angelegenheit der Gegenwart zu erklären. Ich verstehe das nicht.“ Bjarne Riis

Wir als Zuschauer werden belogen und betrogen, durch Doping im Sport. Athleten ruinieren ihre Gesundheit durch Doping. Sponsoren werden um ihr Geld und ihren guten Ruf gebracht. Veranstaltungen haftet der Makel des inkonsequenten Umgangs mit Doping an. Doping ist falsch! Da stehe ich zu. Aber kann ich was daran ändern? Will überhaupt jemand was daran ändern? Muss ich mir dieses permanente Geheule der Medien antun, seit der sportliche Erfolg hinter der Frage zurück steht: „Ist der Sieger wirklich sauber?“ Teilweise hat man ja schon keine Lust mehr, sich eine Etappe irgendeines Radrennens anzuschauen, weil sich eigentlich alles nur um Doping dreht.

Ich sage es in aller Deutlichkeit: „SPORT IST TRIVIALE UNTERHALTUNG“. Brot und Spiele, während Politiker schnell ein paar Entscheidungen treffen können, solange der Pöbel wegschaut. Sport ist das Antidepressivum der Massen. Der Sportevent als solcher ist der Star und viele interessieren sich nicht dafür, ob es ein gedoptes Drama ist oder nicht. Hauptsache die Emotionen explodieren in einem Feuerwerk aus Hysterie und Bierrausch.

Ich mochte Lance Armstrong noch nie, aber das hatte nix mit Doping zu tun. Heute mag ich den Jan auch nicht mehr, aber nicht, weil er gedopt hat oder nicht. Ich komme einfach nur mit der Verlogenheit meines Idols nicht zurecht. Über Jahre hinweg, wo diese Zwei das Spektakel Strassenradsport mitbestimmten, haben sie mir sehr unterhaltsame Stunden am Bildschirm voller Emotionen geschenkt. Hätte mir kein Doping im Radsport mehr Emotionen am Bildschirm und mehr Freude am Wettstreit beschert? Steht die Begeisterung für den Radsport eigentlich im direkten Zusammenhang dazu, ob gedopt wird oder nicht? Lassen sich die Emotionen des Zuschauers durch Doping beeinflussen? Will mir wirklich jemand erzählen, dass Doping nun weiterhin kein flächendeckendes Übel mehr ist? Ist aber egal, wir brauchen Brot und Spiele! Der Zuschauer muss ruhig gehalten werden.

“General-Amnestie ist General-Amnesie.” Werner Franke

Menschen urteilen zuhauf über Leistungssportler. Aber haben diese sich auch schon mal Gedanken darüber gemacht, welche Motivation dahinter steckt, sich zu dopen? In meinen Augen hat Doping häufig nichts damit zu tun, schnell und erfolgreich zu sein. Oft hat es einfach nur mit den Ängsten um die eigene Existenz zu tun.

Was passiert denn mit dem mittelmäßigen Profisportler, der es geschafft hat, einen der begehrten, schlecht bezahlten Wasserträgerplätze in einem zweitklassigen Radteam zu ergattern, wenn er irgendwann die erwartete Leistung nicht mehr erbringen kann? Würde nicht jeder von uns ernsthaft darüber nachdenken zu dopen, um seine Existenz zu sichern? Was, wenn ein „Nein“ zum Doping in einer bleibenden Perspektivlosigkeit endet? Vielleicht, weil der Profi es verpasst hat, einen Beruf zu erlernen. Es gibt sogar Menschen außerhalb des Leistungssports, die sich nicht rechtzeitig dazu entscheiden, die Weichen für’s Leben danach rechtzeitig zu stellen.

Damit sind diese Sportler zwar nicht entschuldigt, aber irgendwie als Opfer eines Systems anzusehen, das sich nicht genug kümmert. Natürlich sind Dopingsünder Täter, aber die Funktionäre ebenso, und Radsportveranstalter, die nicht konsequent genug handeln, auch. Ich will mich freuen und Spaß haben beim Konsum von Radsportveranstaltungen. Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass das Übel nicht konsequent bei der Wurzel gepackt wird. Darum will ich nicht mehr damit belästigt werden.

“Die französische Übersetzung für »Offene Drogenszene« heisst: »Tour de France«. ” Gerhard Kocher

Und jetzt kommt das Motordoping dazu und die Karten werden neu gemischt. Alle, die bis jetzt davor zurückgescheut sind ihren Körper zu ruinieren, können nun mit Motordoping für Chancengleichheit sorgen. Wird diese Entwicklung der finale Todesstoß für den Komapatienten Radsport sein? Diese Angst hat wohl zu dieser völlig überzogenen Bestrafung der ertappten Femke van den Driessche geführt. Ja, sie hat betrogen und gelogen. Das haben unsere Tour-Helden aber auch. Sechs Jahre Sperre, Aberkennung aller Titel und 20.000 Franken Strafe für eine U23 Nachwuchsfahrerin stehen jedoch in keinem Verhältnis zu den Doping-Strafen gegen die Straßenprofis der Vergangenheit. Meinen die Granden des Radsports wirklich, mit dem Bauernopfer Femke van den Driessche eine angemessene Maßnahme zur Abschreckung getroffen zu haben ?

In meinen Augen nicht, solange man auf Magnetresonanz-Tests setzt und nicht auf die effektiveren Wärmebildtests, um den Sumpf sofort und konsequent trocken zu legen. Ich habe ein Déjà-vu – alles beim Alten.

 „Sportler können keine Heiligen und keine Priester sein, aber sie müssen wenigstens als Heldendarsteller etwas taugen – und wenn sie das nicht mehr wollen oder können, dann sind sie wie alle Übrigen – und wir können sie auf Hartz IV schicken.” Peter Sloterdijk

Somit wird „kein Doping ist auch keine Lösung“ immer mehr in den Vordergrund rücken, solange nicht mit allen vorhandenen Möglichkeiten dem Körperdoping und dem Motordoping der Kampf angesagt wird, ERNSTHAFT! Ich sitze jetzt seit Samstag wieder gebannt vor dem Fernseher und freue mich auf die kommenden Bergetappen der Tour de France. Ich werde mit meinen Gladiatoren der Straße leiden und hoffen. Und bestimmt werde ich keinen Gedanken an Doping verschwenden. Meine Emotionen werden mit mir durchgehen und dabei ist es im Moment der gelebten Euphorie egal, ob dies mit oder ohne Doping geschieht.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi