Früher waren auch Wanderer nur Mountainbiker

„Früher war alles besser“, sagen die Alten…so gerne. Aber, ist das denn wirklich so? Oder werden doch eher gerne die Tatsachen verklärt und geschönt? So zum Beispiel, wenn es um das Thema Wandern geht… Früher, da ging man nicht in den Wald um Erholung zu suchen, nein, da ging man in den Wald, um zu arbeiten, die Familie zu ernähren. Und ich kenne das nicht nur aus den Erzählungen meiner Familie, sondern vielmehr auch aus eigener Erfahrung.

Als Kind bin ich in der kulturellen Diaspora der Eifel aufgewachsen. Meine Familie, Eifeler Bauernproletariat, hat wie die meisten Eifeler den Wald als erholungs- und schützenswerten Lebensraum erst sehr spät begriffen. Das Leben war bis weit in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts einfach zu hart dort, um noch Zeit, Geld oder freie Gedanken für Erholung im Wald zu haben. Damals waren die meisten Menschen weit weg von der Ansicht der Jetztzeit, den Wald und die Natur als Erholungsraum nutzen zu können. Dies ist ein Privileg, was es zu schätzen und zu schützen gilt.

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Aber es gab schon sehr früh Menschen, die trotzdem begriffen haben, dass es gut und wichtig ist, die Natur mit dem Leben darin einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Die Natur mit ihrer Schönheit und der Erholung, die man aus ihr schöpfen kann, wertzuschätzen. Menschen wie Hermann Löns, Adolf Dronke oder Franz Senn erkannten Ende des 19. Jahrhunderts diese Möglichkeiten, zum Wohle der Allgemeinheit. Die Folgen ihres Schaffens sind große, gut organisierte Vereine wie der Eifelverein und der Deutsche Alpenverein. Hermann Löns ist heute auch bekannt als einer der ersten, die sich für Naturschutz und Naturparks einsetzten.

Und jetzt, was will ich euch eigentlich erzählen? Was hat das mit Mountainbiken zu tun? Die Parallelen sind es, macht die Augen auf. Die Entwicklungen, die den Mountainbikesport zu einer aktiven, dynamischen und organisierten Sportart gemacht haben, sind mit der Entwicklung der frühen Wandererbewegung zu vergleichen.

Und wir wollen doch eigentlich das Gleiche. Wie damals die Gründerväter der Wandererbewegung, so wollen auch wir Natur er-leben und genießen. Wir suchen Erholung, aber auch Inspiration für den Alltag. Wir brauchen Bewegung und möchten unsere Physis verbessern. Und wer uns Mountainbikern nun Naturzerstörung durch illegalen Streckenbau unterstellt, dessen Vorfahren hätten das damals auch den Wandervereinen unterstellen können, die den Ausbau ihres Wanderwegenetzes durch die Wälder und Berge des deutschen Kaiserreiches vorantrieben.

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Und wo stehen die Wandervereine heute? Groß sind sie geworden und einflussreich; aber auch bürokratisch und häufig ignorant. Und manchmal könnte man meinen, es regiert Altersstarrsinn in ihren vorderen Reihen, so wie dort agiert wird. Das scheint mir auch gar nicht so weit hergeholt… ohne jemanden beleidigen zu wollen. Der Altersschnitt ist in den Wandervereinen im Regelfall versaut. Die Wandervereine ereilt das gleiche Los wie die großen Volksparteien Deutschlands. Sie vergreisen, der Nachwuchs fehlt. Ihre Programme sind nicht jugendorientiert. Ihr nach außen hin wirkendes altbackenes Image, dass bei vielen jungen Menschen einen faden Beigeschmack hinterlässt, macht ihnen zu schaffen.

Die überholte Einstellung zu Brauchtum und Heimat, ohne eine neue modernere Interpretation, ist schon lange nicht mehr gefragt. Und weil man sich gemeinsam besser trösten kann, haut man, wie in Baden-Württemberg, gemeinsam auf den erfolgreichen, jungen und aufstrebenden Konkurrenten drauf. Nach dem Motto „ich kriege eure Wählerstimmen, dafür rette ich euren Einfluss“ werden Wahrheiten verdreht und passgerecht (ohne s) argumentiert. Ein paar Hardliner in die zweite Reihe zum Polemisieren, ein paar tatkräftige Aggressoren in die dritte Reihe und so bietet das Ganze dann die Grundlage, um hunderttausende naturliebhabender Freizeitsportler zur unerwünschten Person im Wald zu erklären.

Muss das sein?

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Statt für ein friedliches, gesundes Miteinander zu kämpfen, das allen – Menschen, Natur, und auch dem Tourismus – helfen würde, werden Aggressionen geschürt, es wird geschimpft und gehetzt. Nein, das muss nicht sein!

Heute sind mehr erholungsuchende Menschen denn je im Wald unterwegs. Auf dem Berg und in der Heide wird Zerstreuung und Ruhe gesucht. Das ist eine Folge der massiven Abwanderung der jüngeren Generation, vom Land in die Städte. Der Beruf, der Verkehr, der Lärm, die Hektik und die Enge sind die Hauptgründe, weswegen es den Deutschen in seinen Wald zieht. Den Platz, wo er seine Seele finden kann. Der Ort, der wie kein anderer Sinnbild für Identifikation und Sehnsucht des Deutschen ist. Die ländlichen Gebiete vergreisen, und ihre Infrastrukturen und Wirtschaftskraft fällt oftmals durch Ermangelung an jungen Arbeitskräften langsam in sich zusammen. Die Abgewanderten kommen lieber am Wochenende zum Mountainbiken zurück aufs Land. Den Wandervereinen gelingt es aber nicht, dieses Mehr an Erholungsuchenden als neue Mitglieder zu gewinnen. WARUM?

Geht doch, Wanderer und Mountainbiker auf einem Pfad
#7 Geht doch, Wanderer und Mountainbiker auf einem Pfad – Warum nicht im selben Verein?

2m Regel, nein Danke
#8 2m Regel, nein Danke – 2m Regel, nein Danke. Der DIMB ist DIE Interessenvertretung für uns Mountainbiker.

Auch das gibt es
#9 Auch das gibt es – ein Verbot, um Wanderer und Mountainbiker zu schützen.
Jetzt lasst mich bloß mit irgendwelchen Statistiken zur Entwicklung der Mitgliederzahlen von Wandervereinen in Ruhe. Wie viele von denen aus der Statistik wandern denn noch aktiv? Da wird am Stammtisch lieber in der Vergangenheit verharrt und ein verstaubtes Image aus den Kinofilmen der 50er Jahre gepflegt. Die Bereitschaft zur Jugendarbeit ist da eher dürftig. Aber wer führt die Arbeit fort, ohne Nachwuchs? Wer soll sich in Zukunft über Traditionen, Brauchtum und Mundart freuen, der Museumsbesucher? Wer soll Pfade und Wege legen und instand halten? Ich weiß, es gibt viele Menschen die dazu bereit wären, nur radeln oder klettern die alle!

Neue Ideen werden benötigt, aber die, die es gibt werden lieber wie Krankheiten behandelt, die ausgemerzt gehören. Mein Wald, mein Berg, mein Weg, alles ist mein, meinnnnnnn Schaaaaaatz. Ein Gollum in Wanderschuhen verpennt die Zukunft, und sein Waldbewusstsein fällt eher ins Wachkoma und vegetiert vor sich hin, als dass mit bewusstem Vorausdenken eine neue Ebene erreicht wird. Statt auf neue, frische und zukunftsträchtige Entwicklungen zu setzen, die auch dem Tourismus zu Gute kommen, wird alles bekämpft, was neu und anders ist.

Der böseste aller Mountainbiker kommt aus Baden-Württemberg, das ist hinlänglich bekannt. Und dieser ist dort als Feindbild ein gern gesehener Gast. Das lenkt von den eigenen Problemen ab. Da freut sich sogar die Politik. Millionen potenter, konservativer Wähler, verharrend in der Schockstarre der guten alten Zeit. Da kann die Politik was Gutes tun, um ihre eigene Wiederwahl nebst liebgewonnenen Pfründen und dicken Pensionen zu sichern. So wird das Land mit einem unnötigen Pauschalverbot überzogen und der Konsens im Keim zu ersticken versucht. Es wird sogar der Export dieser Ideen in andere Bundesländer veranlasst und gefördert, frei nach dem Motto „operative Hektik ersetzt geistige Windstille“.

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Grenzt diese Betrachtung von Heimat nicht alle aus, die unter Heimat etwas Neues verstehen? Möchte sich nicht jeder, egal wo er wohnt, “zuhause” fühlen? Möchte nicht jeder, ob fremd oder einheimisch, mit seinen Hobbys willkommen sein? Und wenn man dann erst einmal integriert wäre, würde man dann nicht auch bei anderen Aktivitäten helfen?

In der Geschichte der Heimat gab es immer einen Wandel, der zu den heutigen Traditionen geführt hat. Es ist an der Zeit, den Begriff Tradition und Heimat neu zu hinterfragen. Es ist wahr, es gibt Menschen in diesem unseren Land, die sich nicht wegen ihrem Hobby und ihrem Sport ausgrenzen lassen wollen. Es ist wahr, es gibt Menschen, die stehen zu den Begriffen Heimat und Tradition, aber anders. Der dramatische Mitgliederrückgang in den Wandervereinen und die Abwanderung der jungen Generation vom Land in die Ballungsräume sollte zum Nachdenken anregen, überall.

Das es auch anders geht, zeigt der weltgrößte Bergsteigerverein und achtgrößte Sportverein Deutschlands mit über 1 Millionen Mitglieder, der Deutsche Alpenverein. Der DAV hat sich frühzeitig vom Image des Wandervereines gelöst und sich als Bergverein aufgestellt. Dazu hat man viele Freizeitnutzungen, die am Berg möglich sind, in den Verein integriert. Aus dem traditionellen Bergsteigen hat sich rasch die Kletterabteilung entwickelt. Mit den neuen Indoor-Kletteranlagen in vielen Städten ist es gelungen, zusätzlich ein neues, junges Publikum abseits der Berge anzusprechen.

Klettersteige, Berghütten, Hochtouren, Skitouren und Schneeschuhwandern gehören zum Programm. Auch Mountainbiken wurde, nach anfänglicher Skepsis, früh in den DAV aufgenommen. Und findet seine Nische in dem, was alle beim DAV verbindet; der Liebe zur Natur, dem Miteinander und der Toleranz. So kann Zukunft aussehen, und das kann auch jeder andere Wanderverein in Mittelgebirgslage. Davon bin ich überzeugt. Ein paar Betonköpfe und die greisen Wanderstammtische der Republik können sich der Zukunft des deutschen Freizeitverhalten nicht auf Dauer verschließen. Das ist zugleich Hoffnung und Wunsch auf ein besseres Miteinander.

Wie schon der berühmte englische Humanist Thomas Morus sagte:

„Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“

In diesem Sinne, Think Pink – eure Muschi

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Fotos 1 bis 6 und 10 bis 12 wurden dankend von Stein Foto Art zur Verfügung gestellt. Mehr Fotos findet ihr auf der Facebookseite von Stein Foto Art oder auf www.stein-art-online.de.