* Faszination Nightride

Ich fahre im Zentrum des Schwachsinns, umzingelt von neun anderen Bekloppten. Das Surren der Ketten unserer zehnköpfigen Gruppe schläfert meine Gedanken ein. Die Nebelschwaden verwandeln den Oberlauf der Lahn in eine Kulisse wie aus dem Film „Der Hund von Baskerville“. Wir sind mittendrin, in der Umrundung des Westerwalds mit dem Mountainbike. Wir sind unsterblich.

24h Solofahrer sind ein eigenes Völkchen. Man kann es sehen wie man will, aber bei den Jungs und den Mädels ist im Oberstübchen nicht alles gerade gerückt und das ist gut so. Das kann man nach einem 24h Zieleinlauf beobachten. Glücksbeseelt und zufrieden in sich ruhend, mit einer Flasche Bier in der Hand, stehen sie da. Ein Augenblick des Genusses, in dem der Bezwinger der Zeit die Muse hat zu entscheiden, ob er es wieder tun würde. Er würde es wieder tun, aber erst übermorgen. Böse Zungen behaupten, 24h Fahrer seien verhaltensgestört, das stimmt. Wie sonst sollte es möglich sein, sich aus der Normalität des Seins zu verabschieden, um als Extremsportler die Grenzen der eigenen Endlichkeit zu erfahren, um danach gerade eben in diese wieder zurückzukehren?

Gerade erst aus dem Trainingslager Ponyhof/Ostfriesland zurückgekehrt geht es eine halbe Stunde später weiter ins „Zentrum des Schwachsinns“ nach Siegburg.
Langstreckenfahrer der Teams „Nutrixxion“, „Rapiro Racing“ und des „PST-Racing Teams“ drapieren sich um eine der harten Damen aus dem Team „Harveycom“. Alles ausgewiesene 24h- und Ultralangstreckenfahrer mit der Lizenz zum Leiden. Warum sie das tun, was sie tun? Weil sie es können!

Im Trainingslager Ponyhof die nötige Tempohärte für die 24h am Alfsee trainiert...
#1 Im Trainingslager Ponyhof die nötige Tempohärte für die 24h am Alfsee trainiert…

...und ostfriesische Gelassenheit genosssen...
#2 …und ostfriesische Gelassenheit genosssen…

...trifft man zurück im Rheinland auf die Nightride-Velohelden.
#3 …trifft man zurück im Rheinland auf die Nightride-Velohelden.

Der Plan, runde 400 km entlang der Flüsse Rhein-Lahn-Dill-Sieg einzusammeln, startet hier und jetzt um 19 Uhr mit einem Nightride über 240 km bis Wetzlar. Die Welt ist schön, die Sonne lacht, der Rheinuferweg ist gut besucht. Das Tempo ist hoch, wenn es denn der Verkehr zulässt. Die ersten Rennradfahrer leiden unter unserem Tempo und verlassen die Stätte der Schmach. Unser Guide Sven rollt mit den Augen, als der PST-Zug sich an die Spitze setzt. Einigen sieht man die unausgesprochene Frage an: „Wie lange wollt ihr den 27er Schnitt noch fahren?“

Die Sonne verabschiedet sich in die Nacht und die Kurzarmtrikots in den Rucksack. Im Dunkel der Nacht begrüßt uns das kulturelle Highlight: Koblenz im Lichterglanz. Ein kurzer Abstecher an das deutsche Eck, ein schnelles Gel-Doping und kurze Zeit später tauschen wir den turbulenten Rheinradweg gegen den tiefenentspannten an der Lahn. Nichts stört unseren Rhythmus, keine Fussgänger auf den Wegen an der Lahn und keine Autos auf den Straßen, die wir ab und an befahren. Wohnt hier überhaupt jemand? Bad Ems und Nassau gleichen Totenstädten und das schon vor der Geisterstunde. Dunkel ist die Nacht, mancherorts sogar ein wenig dunkler. In der Gruppe ist es ruhig geworden. Geniessen, ruhen, meditieren, sinnieren, jeder 24h Fahrer hat da seine eigenen Methoden und Vorlieben mit der Nacht umzugehen. Des einen Freund ist des anderen Feind, der Schnitter während eines 24h Events. In einer Gruppe, ohne Druck durch die Uhr, ist es ein Erlebnis, das verbindet.

Egal ob Rheinuferpromenade oder nicht, der Weg ist asphaltiert.
#4 Egal ob Rheinuferpromenade oder nicht, der Weg ist asphaltiert.

Seitenwechsel am Rhein
#5 Seitenwechsel am Rhein

Irgendwer sagte mir mal, wie schön die Lahn ist und wie erlebnisreich die Landschaft. Da kann ich nicht wirklich mitreden, ich erkenne nix. Jedoch kann ich das Erlebnis des 200 hm langen Anstiegs nach Scheidt vorbei an der Lauenburg teilen. Nettes kleines Bergzeitfahren in der Nacht zum Wachbleiben nach 140 km, um eine üppige Lahnschleife zu umgehen. Nach 165 km und 7 h Fahrt haben wir uns einen Kaffee verdient. In der scheinbar gottverlassenen Gegend eine offene Tankstelle zu finden, ist jedoch gar nicht so einfach. In Limburg, links neben einem dicht bevölkerten Zappeltempel werden wir gegen halb drei des Morgens fündig. Der Tankwart der Araltankstelle staunt nicht schlecht, als zehn Mountainbiker den Verkaufsraum stürmen, die Brötchentheke leer kaufen und teilweise die Schuhe ausziehen. Auch die Kundschaft reibt sich verwirrt die Augen. Erste Fragen kommen auf, und die Nachfragen zum nicht nachvollziehbaren Sachverhalt.

Auf der Suche nach einer Unterführung, die uns auf die andere Seite der uns von der Lahn trennenden Gleisanlage bringen soll, vollziehen wir einen „Irren Ivan“. Ein bekanntes russisches Ubootmanöver, um unsere Spuren dauerhaft zu verwischen. Noch heute, Tage nach dem Geschehen, weiß niemand so ganz genau, was wir da so 8 km in und rund um Limburg getrieben haben. Es wird wohl dem Koffein- und Zivilisationsschock zu früher Morgenstund geschuldet sein.

Drei Flussbiegungen weiter kündet die Nachtigall vom Ende der Nacht und ein Fuchs weist uns den Weg. Wenn wir jetzt noch Wildschweine treffen, haben wir den Wildparkbesuch auch hinter uns. Wenn die Stille die Nacht verlässt, ist die Dämmerung nah. Wir sind Wanderer zwischen den Welten, unberührbar. Im Hier und Jetzt sind wir unsterblich. Während eines 24h Rennens ist dies der Moment, in dem der Sensenmann durch das Fahrerfeld zieht und seine Opfer auswählt. Uns kriegt er nicht.

Die Sonne geht, die Kleiderordnung ändert sich.
#6 Die Sonne geht, die Kleiderordnung ändert sich.

Nochmal Gel-Doping
#7 Nochmal Gel-Doping

Das ist das deutsche Eck.
#8 Das ist das deutsche Eck.

Löhnberg, eine Kulisse wie aus einem Film. Alte Wehre, Fachwerkhäuser am Fluß und gespenstische Nebelschwaden. Tau, der nicht nur auf den Feldern gefriert. Eine Brücke und ein surreales Erlebnis. Steht da doch ein Mountainbiker auf einer Brücke, mit Fotoapparat und Stativ und der totalen Konfusion in den Augen. Ich fahre vorbei mit einem „Morgen“ auf den Lippen und Sandra fragt mich, ob ich den bestellt habe. Klar, was sonst. Der arme Kerl fragt sich wohl immer noch, wo wir um diese Uhrzeit herkamen.

Langsam wird es kalt, überall Reif auf den Feldern und ein Sonnenaufgang voraus. Wir kämpfen uns gegen Hunger und Erschöpfung nach Wetzlar und biegen ab zum Flüsschen Dill. Die Gegend scheint entvölkert, keine Bewegung lässt sich zwischen Gartenzwerg und „Ado mit der Goldkante“ erahnen. Gibt es hier ein Leben vor „halb zehn in Deutschland“? Ein einsamer Russe vernichtet in einer Unterführung auf einem Feld Magnetbänder neben seinem Auto. Warum tut er das? Niemand wird es je erfahren. Er erklärt uns radebrechend den Weg zur nächsten Tankstelle in 20 km Entfernung.

Die Suche nach einer Backstube entwickelt sich zur Existenzfrage und nur zwei wachsamen Augen ist es zu verdanken, dass wir kurz vor der Öffnung eine Bäckerei stürmen können. Das Staunen der örtlichen Bäckereifachverkäuferinnen weicht schnell einem ungläubigen Entsetzen und endet in mitleidsvoller Bewunderung über die vollbrachten Heldentaten. Der Laden ist okkupiert, die Theke leert sich schnell und draußen randaliert der Mob. Wir bringen hier lieb gewonnene Gewohnheiten durcheinander. Dazu gehört nicht, 30 Min auf die Brötchentüte in einem Verkaufsraum voll von stinkenden sich ihrer Kleidung entledigenden Velohelden zu warten.

#9 Zwischenwelten, morgens um 5 Uhr wenn das Thermometer auf -1Grad fällt und der Fuchs einen „Guten Morgen“ wünscht.

Da hinten direkt unter der Sonne gibt es eine Bäckerei.
#10 Da hinten direkt unter der Sonne gibt es eine Bäckerei.

Sagte ich doch!
#11 Sagte ich doch!

Ab Kilometer 270 steigt der Weg zur Quelle der Dill stetig bergan. 400 hm werden auf den nächsten 30 km im Gegenwind überwunden. Eine Wasserscheide befindet sich zwischen Dill und Sieg und trennt Westerwald und Lahn-Dill-Land vom Siegerland. Bei einer Höhe von 603 m haben wir das Dach der Tour erreicht. Wald und Trails bestimmen ab nun unsere Tour. Vorbei das unspektakuläre Einerlei der schönen Radwege an Lahn und Dill.

Eine Überführungsetappe zur Sieg steht an. Sven, Organisator und Guide der Tour, hat sich mal ein paar Tracks aus dem Netz besorgt, um die Lücke zwischen der Dill und der Sieg zu füllen. Die nächsten 100 km sollen mit 800 hm gespickt werden, um auf die versprochenen zweitausend Höhenmeter zu kommen. Ein vermeintliches Kinderspiel.

Noch konnte keiner ahnen, dass das folgende Kapitel eher in die Kategorie „Vorbereitungstour zum erfolgreichen Abschluss einer Alpenetappe“ fallen würde. Was normalerweise eine Gruppe gut gelaunter Samstagmorgenbiker als finale Abschlusstour mit anschliessenden Abend auf der Couch planen, gönnen wir uns nach 300 km.

Wir nutzen nochmal die Gelegenheit zum Essen fassen. Meine Lust auf „Einmal am Tag musst du was essen, was ein Gesicht hatte“ ist unbezähmbar. Der nächste Stop am Autohof Wilnsdorf an der A45 bringt mich in Versuchung. Eine Burger King-Reklame lockt zu fettigem Rind. Einige von uns sabbern auf den Asphalt, doch wir können uns beherrschen. Teigwaren und Cola aus der gegenüber gelegenen Tankstelle müssen reichen. Über den Punkt „Wenn ein leiser Furz meine Stille verlässt“ sind wir nach dem stundenlangen Genuss diverser Gel- und Riegelprodukte schon lange hinaus. Es fehlt nur noch der Dirigent in unserem Chor.
Im Anschluss folgt ein kurzer Anstieg von bis zu 30%. Meine Knie schreien mich an. Ich entscheide zu Gunsten der Patella und trete ausnahmsweise mal einen vor den anderen statt rund.

Einer von drei Defektstopps, eine gute Quote bei 4000 km in 24h.
#12 Einer von drei Defektstopps, eine gute Quote bei 4000 km in 24h.

Missglückte Flussüberquerung im Quellgebiet der Dill.
#13 Missglückte Flussüberquerung im Quellgebiet der Dill.

Auf den folgenden 30 km füllen wir mit leichten wellenartigen Bewegungen das Höhenmeterkonto und wir erreichen sogar die Sieg bei Betzdorf. Erste grölende Vatertagswiedergänger schmettern uns ihre Schlachtrufe entgegen. Nach dem Motto „Tausche Bollerwagen gegen Krankenwagen“ kann man nicht früh genug beginnen, dem Tag eine bleibende Erinnerung zu entlocken.

Nur gibt es hier noch keinen Siegradweg. Also dem Track folgen und abbiegen in die nächste Serpentine. Rauf und runter, immer wieder. Wir verharren in der bekannten wellenartigen Bewegung mit der Hoffnung auf eine weitere Begegnung mit der Sieg. Langsam rebelliert das Volk. Der Guide beschwichtigt, jetzt war es dann wohl mit den Höhenmetern. Auf meinem Garmin leuchtet mich die Zahl 2.500 an. Über den Witz mit den „Höhenmetern zum wach bleiben“ lacht niemand mehr. Erste Ausfallerscheinungen machen sich breit. Ich mache Witze darüber, dass wir heute ja auch die 3.000 hm voll machen könnten, niemand lacht.

Immer noch kein Radweg in Sicht, aber Hoffnung am Horizont. Diese treibt uns an, auch den nächsten Anstieg zu nehmen. Der ist auch schön, schön lang. Als der zweite folgt, ruft das Volk “Lügenpresse”, der Guide stirbt aber auch am Berg. Rafael, Vizesieger von Duisburg, macht die Gemse – wenn schon tot dann richtig. Unsere einzige Frau hat im Gegensatz zu den männlichen Begleitern noch nicht einmal geklagt. Aber auch Sandra meint nun, dass es beim Stand von 2.800 hm doch langsam genug sei. Langsam beschleicht uns der Gedanke, dass wir konsequent dem Siegsteig folgen, was auch die Massen an Menschen, mit und ohne Alkoholproblem, erklären könnte. Oder hat das alles nur mit Herrn Osram zu tun, der uns heute den ersten Sommertag des Jahres beschert?

Nach 300 km findet der Trail zurück zum Flow.
#14 Nach 300 km findet der Trail zurück zum Flow.

Letzter Stopp Autohof, bevor das Finale dem Fotografen die Lust zum Fotografieren nimmt.
#15 Letzter Stopp Autohof, bevor das Finale dem Fotografen die Lust zum Fotografieren nimmt.

Der nächste und letzte Anstieg ist dann auch die Nahtoderfahrung, die auf keinem Langstreckenevent fehlen darf. Es folgt das Stravasegment „Holperbach nach Dünebusch“. Wo zum Teufel sind wir? Nochmal 200 hm verteilt auf einen Kilometer. Ich fange an, nach bierseligen Wandersleuten zu schnappen und sie anzuknurren, wenn ich ihre lallenden Anfeuerungsrufe vernehme. Oben angekommen beschliessen wir, uns wieder der Zivilisation anzuschließen und auf der Straße unseren Weg bis zum Siegradweg fortzusetzen. 20 hm fahre ich noch freiwillig sage ich, dann sind die 3000 hm voll. Währenddessen verliert Rafael sein großes Kettenblatt. Andere finden vor lauter Ekstase gar keine Worte mehr.

Das schöne an einer Trainingseinheit ist, dass der schlaue Mann dann aufhört, wenn es genug ist. Dies geschieht am Bahnhof von Schladern. 7 der 10 Fahrer sehen das in Anbetracht des eigenen körperlichen Zustands, dem Zustand vieler Verkehrsteilnehmer auf motorisierten Zweirädern und dem Alkoholpegel auf dem Siegradweg ähnlich. Wir lassen es für heute mal gut sein und schenken uns die letzten 40 km. Sven, Sandra und Dirk halten aber durch bis Siegburg. Chapeau an die drei und uns allen ein Wiedersehen am Alfsee und der „Night on Bike“.

Zahlen und Fakten. Steht es nicht bei Strava, ist es nicht geschehen.
#16 Zahlen und Fakten. Steht es nicht bei Strava, ist es nicht geschehen.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi