* Endlich mal wieder normale Leute

Endlich bin ich den Winterspeck los! Jetzt habe ich Frühjahrsrollen. Erschüttert schaue ich von meinem Handy nach oben, mein Konterfei lacht mir hämisch aus dem Spiegel entgegen. Ich frage mich, was mir dieser Lach-Smiley unten rechts in meiner Whatsapp-Nachricht eigentlich mit dieser Feststellung mitteilen will und ignoriere die blöde Hackfresse im Spiegel.

Super, nun bin ich verunsichert, leide ich auch an dieser Jan Ullrich-Krankheit. Ich fordere mich zur Kontrollmessung auf. Ein paar Sekunden später ein erleichtertes Aufatmen, am Gewicht kann es nicht liegen, dass ich mich so formlos fühle. Da macht es schon wieder plopp und Whatsapp teilt mir mit, dass ich gerade Winterschlaf gegen Frühjahrsmüdigkeit getauscht habe. Es ist zum Verzweifeln, dieses Mal sagen mir die Ränder unter den Augen, dass es mindestens einen Tag Karneval zu schön war, fünf Stunden Schlaf am Tag zu wenig sind und drei Wochen Trainingsrückstand zu viel ist.

Dazu sagt mein Lebensplan nach der chinesischen Urlehre „Sanmeigaku“, dass ich Ratte-Ochse bin und gerade erst meine Ruhemonate beendet habe. Ratte-Ochse impliziert irgendwie schlau und stark. Ich fühle mich gerade eher nach Regenwurm-Riesenfaultier. Als ich dann auch noch die Nachricht erhalte, gefälligst meinen Arsch zu bewegen, ist mein Tag gelaufen. Ich soll am 11. März an einer Westerwaldumrundung teilnehmen. Jetzt habe ich erstens Kacka in der Hose und zweiten sorge ich mich um den Geisteszustand eines gewissen Sven Hielscher. Schön, wenn man solche Freunde hat, die an Wetterintoleranz leiden.

Ich schaue aus dem Fenster, es regnet seit 4 Tagen. Scheiße, heute schon wieder Plumeau-kuscheln statt Training. Die spinnen doch! 400 km im März, haben die nicht die selben Nachrichten bekommen wie ich? Aus Verzweiflung kaufe ich mir einen Apfelkuchen mit fett Sahne drauf. Gedanklich hake ich die Westerwaldumrundung ab. In sechs Tagen soll es losgehen und hier ist gerade Weltuntergang.

Endlich mal wieder normale Leute#1 Endlich mal wieder normale Leute

5 Tage später zeigt die Sonne, dass es noch Hoffnung gibt und Sven Plöger sagt im Radio irgendwas über ein sonniges Wochenende. Sollte sich etwa der Frühling entschieden haben, dem meteorologischen statt dem kalendarischem Frühlingsanfang zu folgen? Eigentlich steht nun einem Radvergnügen nichts mehr im Wege. Hatte uns das Höhenmeterdesaster bei der letztjährigen Umrundung auf dem Natursteig Sieg mit seinen Vatertagswiedergängern den Rest gegeben, so sollen diese Höhenmeter nun nicht mehr schuld sein, die Runde zu vollenden. Vatertag ist zum Glück auch nicht. Und weil die rechtsdrehenden Höhenmeter besser verdaulich sind, geht es 2017 einmal anders herum: Sieg – Dill – Lahn – Rhein – Sieg. Sieg ist dabei Programm.

Frisch, fromm, fröhlich, frei

#2 Frisch, fromm, fröhlich, frei

Jana, eine der tapferen drei Damen
#3 Jana, eine der tapferen drei Damen
An der Sieg
 #4 An der Sieg
Samstag High Noon, die glorreichen 14 wappnen sich zum Battle „Wer ist der schönste Autist auf dem Rad“? Endlich mal wieder normale Leute. Unsere 24h-Gruppentherapie kann beginnen und wir starten mal ganz seicht mit der Diskussion über die Pupsfrequenz nach Einnahme verschiedenster Gelpräparate.

Bei Sonnenschein und guter Laune verliert so ein Flüsschen wie die Sieg seinen Schrecken, wenn man sich nicht auf einem Wandersteig verliert und nicht zwingend jeden Höhenmeter zwischen zwei Hügeln einsammeln muss. Dafür haben wir ein Erlebnis ganz anderer Art, auf das wohl niemand so recht vorbereitet war. Der Dauerregen der letzten Woche hat Teile des Radwanderwegs entlang der Sieg untergehen lassen. Auf der teilweise bis zu 150 m langen Suche nach Atlantis hat sich so manch einer nasse Füße geholt. Wie sich das Feuchtbiotop in den Schuhen nachts bei null Grad anfühlen mag, will sich bis dato noch keiner vorstellen.

Das Gefühl mit dem Kacka in der Hose verliert sich mit jedem gefahrenen Höhenmeter der Dill entgegen. Geht es ab und zu auf die Straße, sind die zwei Crosser in der Gruppe wahre Wohlfühloasen im Feld der Mountainbiker. Überhaupt scheint unsere Runde mir und Crosserwoman Nicole in die Hand zu spielen. Irgendwo hinter Opperzau oder war es Oppertsau ging es dann mal kurz ans Limit für die Crosserfraktion. Ein Anstieg mit teilweise 20% bringt sowohl meinen Einfachantrieb wie auch Nicoles 2×10 Umwerfergedönse an die Schmerzgrenze. Da heißt es einfach durchtreten und wenn es weh tut, treten wir noch ein bisschen mehr. Dass Crosser dann vorne fahren, liegt somit nur an der Übersetzung.

Während die einen flüchten, nehmen die anderen die Herausforderung an.

#5 Während die einen flüchten, nehmen die anderen die Herausforderung an.

 Frank und der nasse Hund

#6 Frank und der nasse Hund

Just ride Baby

#7 Just ride Baby

In Wasserscheide, dem Ort (obwohl wir uns dort auch im Grenzverlauf zweier benachbarter Flußsysteme befinden), überwinden wir bei 453m ü. M. das Dach der Tour, bevor es in unsere erste lange Abfahrt geht, Zeit zum Verpflegen. Die Tage las ich folgenden Bericht im Haiger Abendblatt unter der Überschrift:

Angriff der Mountainbike-Heuschrecken

Am späten Nachmittag hat eine noch undefiniert große, aber geschlechtsübergreifend zusammengesetzte Gruppe übermütiger Mountainbiker in Haiger den örtlichen Lidl heimgesucht. Auf der Suche nach Essbarem plünderten sie die Regale und lösten einen Personalnotstand bei der unterbesetzten Belegschaft aus, die sich in Anbetracht des Ansturms genötigt sah, alle vier Kassen des Lidlmarktes zu öffnen. Im Anschluß belagerten die Vandalen den hauseigenen Parkplatz und veranstalteten dort in aller Öffentlichkeit ein Gelage, in deren Verlauf sie zwei am Leergutautomat stehenden Frauen ihr Leergut aufnötigten. Diese beiden unschuldigen Opfer befinden sich momentan noch in stationärer Behandlung. Nach einer halben Stunde verließ die Horde den Parkplatz in Richtung Nordost, bevor die Polizei eingreifen konnte. Die Suche nach ihnen verlief erfolglos.

Alois unser Sonnenschein
#8 Alois unser Sonnenschein

Richtige Männer brauchen richtig was zu beißen.
#9 Richtige Männer brauchen richtig was zu beißen.

Wer schnell bergauf fahren will, muss fühlen.
#10 Wer schnell bergauf fahren will, muss fühlen.

Hilfe, da war der Lidl voll.
#11 Hilfe, da war der Lidl voll

Für uns heißt es so viele Kilometer wie möglich vor dem Eindunkeln zurückzulegen, um dann eine größere Pause zu machen, bevor es an Dill und Lahn recht einsam und kalt werden dürfte. Über unseren längeren Aufenthalt in einem Schnellimbiss ist im „Dillenburger Wochenspiegel“ dieser Zeitungsartikel erschienen:
Mountainbiker rüpeln durch Schnellimbiss

“Am Abend kurz vor Ladenschluss suchte eine grössere Gruppe bemitleidenswerter Mountainbiker einen Schnellimbiss in der Nähe von Dillenburg heim. Sie bemächtigten sich aller freien Tische und Sitzgelegenheiten, entledigten sich ihrer Kleidung und teilweise auch ihrer Schuhe. Besonders auffallend benahmen sich zwei Männer dieser Gruppe. Ein nicht näher identifizierbarer Mann mit rosa Helm und ohne Schuhe zwang die Besitzerin mit vorgehaltenem Portemonnaie, die Heizung anzustellen. Ein zweiter etwas verwirrter Mann veganer Natur, bestellte an der Theke mit folgenden Worten: „Haben sie noch Eier? Nein? Dann nehme ich Pommes mit Bratkartoffeln. Auch auffällig wurde die Gruppe durch den Gebrauch von Zehenwärmern bei kurzen Hosen. Nachdem der Radschreckenschwarm alle Vorräte an Bratkartoffeln mit Eiern gegessen hatte, verschwand er im Dunkel der Nacht.”

Einen in der Gruppe findet und hört man immer. Man nennt ihn Knackarsch oder auch nur alter Knacker, denn er hat ein Knackproblem. Niemand will in der Nähe von Marcus fahren. Schlimmer als Alois und mein blinkendes Rücklicht ist nur dieses leidige Geknacke von Marcus’ Sattelstütze. Ich vermute, dass er nach 24h einen dauerhaften Knackschaden von dieser Geräuschfolter davon tragen wird und sich dann sofort eine neue Sattelstütze kauft. Er wird zur Finanzierung ebenjener den kommenden Bestseller „Knackend durch die Dunkelheit“ schreiben

Wenn das Garmin sagt da ist ein Weg, dann ist er auch da.#12 Wenn das Garmin sagt da ist ein Weg, dann ist er auch da.

Die lange Nacht beginnt.

#13 Die lange Nacht beginnt.

Sitzblockade mit kalten Füssen
#14 Sitzblockade mit kalten Füssen

Eins muss man dem März lassen, er ist zwar dunkler als der Mai, jedoch nicht kälter. Schnaps ist Schnaps und Bodenfrost ist Bodenfrost, wie man so gerne sagt. Ich streite mich nicht um ein paar zehntel Grad, weil kalt bleibt kalt. Und wenn es kalt und dunkel ist, wird es in einer Radgruppe auch schnell ganz ruhig. Diese Stille kann man dann auch schon mal gerne mit Sekundenschlaf oder Orientierungslosigkeit füllen. Das Tempo nimmt kontinuierlich ab, um auch dem schwächsten Fahrer der Gruppe durch unser Wir-Gefühl den Antrieb zum Weiterfahren zu geben.

Einbrecher, Wandernomaden, Mountainbiker

“Heute Nacht gegen zwei Uhr erzwang sich eine Gruppe unterkühlter Radsportler den Einlass in eine Tankstelle, obwohl ein Nachtschalter vorhanden war. In Hinblick auf ein willkommenes Geschäft öffnete die ahnungslose Angestellte die Türen, worauf sich die Gruppe durch die Auslage fraß. Erst durch den Hinweis auf die noch nicht abgelaufene Backzeit des Ofens, wurden die unterfütterten Sportler vom Genuss halbgarer Croissants abgehalten. Im Verlauf der Wartezeit konnte die Gruppe einen cholerischen angetrunkenen Mann mittleren Alters durch ihr schockierendes Auftreten des Verkaufsraums verweisen. Es scheint sich bei dieser Gruppe um die selbe Ansammlung Verwirrter zu handeln, die schon seit gestern durch den Westerwald irrt.”

Bei Km 258 heißt es wach werden. Erstens wird es heute nicht mehr dunkler und zweitens steht ein Bergzeitfahren an. Warum die Lahn an dieser Stelle keinen Radweg hat, hat sich mir letztes Jahr schon nicht erschlossen. Darum darf der Anstieg von Geilnau nach Holzappel bei uns rauskitzeln, was noch geht. 2,7 km mit 195 hm bei einer durchschnittlichen Steigung von 7% sind schon eine Hausnummer um diese Uhrzeit. Rafael und Tobias machen das, was sie am besten können, sie kühlen ihre hitzigen Gemüter in der Flut der Höhenmeter ab. Der Rest folgt im Schlepp. Dem Tobias platzt irgendwann im Berg der Motor und wird durchgereicht. Rafael gewinnt die Bergwertung und der Rest folgt als Lichterkette dem Morgen entgegen.

Alles grün heute
#15 Alles grün heute

Meine Lieblings-Jana und meine Biergrit
#16 Meine Lieblings-Jana und meine Biergrit

Schilder kann man nie genug aufstellen.
#17 Schilder kann man nie genug aufstellen.

Die Lahn hat uns wieder mal nur im Dunkeln gesehen. Das erste Tageslicht leitet uns die letzten Lahnkilometer Richtung Koblenz. Dort trägt sich folgende Begebenheit zu. Im Koblenzer Kurier war folgendes zu lesen:

Sportler verwirren Raddiebe

“Am frühen morgen gegen 8 Uhr betrat eine große Gruppe Radfahrer den Koblenzer Hauptbahnhof und tyrannisierte eine Bäckereifachverkäuferin. Dem Wunsch der Gruppe, ihren Arbeitsauftrag zu erfüllen und das hungrige Volk zu beköstigen, folgte sie nur widerwillig. Im Zuge der massiven Störung des ruhenden Arbeitsablaufs in der Bäckerei deponierten diese Individuen ihre wertvollen Sportgeräte unbeaufsichtigt im Bahnhofsfoyer. Dadurch sahen sich einige zwielichtige Gestalten genötigt, einen Diebstahl dieser Metall- und Carbonwaren in Betracht zu ziehen. Nur die Flucht der Sportlergruppe in Richtung Rhein konnte eine Eskalation verhindern.”

Ab zum Rhein übers Deutsche Eck, schnell ein Gruppenfoto gemacht und zur Attacke geblasen für die letzten knappen 100 km. Die Zeit der trägen Müssiggänger ist vorbei, denn Morgenstund hat Gold im Mund. Einige in der Gruppe haben noch Lust auf ein wenig Alarm unterhalb der Gürtellinie. Somit platzt die Gruppe am Rhein auseinander. Rafael, Helmut, Frank, Arndt, Jana und ich haben noch Krawall in den Beinen und Bock auf Teamzeitfahren. Mit einem lustigen 30er Schnitt geht es mit Rückenwind am Rhein vorbei. Irgendwann möchte Rafael wissen, bis zu welcher Geschwindigkeit man seine jämmerliche Übersetzung quälen kann. Mein Garmin zeigt irgendwann 47 km/h an. Seinem Windschatten zu folgen bereitet soviel Schmerz, dass an Kreiseln nicht mehr zu denken ist, während der Rest Mann für Frau abbläst.

In Lahnstein geht die Nacht zu Ende
#18 In Lahnstein geht die Nacht zu Ende

Koblenz, der Bäcker ruft
#19 Koblenz, der Bäcker ruft

Deutsches Eck mit deutschen Spinnern
#20 Deutsches Eck mit deutschen Spinnern

Der Zug rollt auf der Rheinschiene.
#21 Der Zug rollt auf der Rheinschiene.

So ein Zeitfahren unter Freunden ist so mit das Geilste, was man machen kann. Meine Zweifel, ob wir das über eine Distanz von 60 km bis nach Bonn durchhalten würden, zerschlagen sich mit jedem zurückgelegten Kilometer, wir sind unsterblich. Als Belohnung zeigen unsere körperlichen Überreste in Bonn, dass dieses Allout funktioniert hat. Nun heißt es aber runterschalten, Druck ablassen und die Gemütlichkeit eines einsetzenden Konditionsverfalls Rechnung tragen. Das 30 km-Finale am Schluß endet in einer wohlverdienten Kaffeefahrt. Schnell an einer Tankstelle noch die Kölschvorräte geplündert und am Ziel mal schön das Angekommensein geniessen: 402 km, 2537 hm, 9.584 kJ, 18h,37 min reine Fahrzeit, endlich mal wieder normale Leute um mich rum.

Schluß, Ende, Aus, der Trend geht zum Fünfhunderter. Vielleicht lässt sich ja irgendwie die Eifel umrunden. Bis dann wieder…

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi