* Doppelt gemoppelt hält besser

Seit Monaten bin ich nachts der Schwerenöter meiner Großhirnrinde, denn ich träume von einer neuen Rennsaison. Tagsüber hingegen mutiere ich zum Müssiggänger meines Kleinhirns. Ich verharre immer noch in einem latenten Winterschlaf. Dabei haben wir schon April. Während „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“ sich in akute Fortpflanzungsbereitschaft trällert, komme ich immer noch nicht so recht in die Gänge.

Ja ich gebe zu, der Winter ist leistungstechnisch nicht meine Jahreszeit. Man sagte mir, dass es nach dem chinesischen Horoskop meine Ruhezeit ist. Und in dieser ist jeder Versuch, sich hervorzutun, sowieso von Misserfolg gekrönt. Auch wenn der gefühlte Leistungsabfall nicht mit den blanken Zahlen übereinstimmt, die manipulative Ausrichtung meines Unterbewusstseins siegt immer. Während andere schon Rennen um Rennen abspulen verharre ich immer noch in körperlicher Schockstarre.

Das hat nun ein Ende. Meine Saison beginnt, wenn die Launenhaftigkeit des Wetters sich in die Wonne des Lenz verabschiedet. Da kommt mir das SKS Rennen in Sundern-Hagen gerade recht. So eine schöne All-Out-Runde auf der Kurzstrecke mit Zug auf die Teamwertung könnte eine sinnvolle Art und Weise der Standortbestimmung werden. Und weil 30 km der Quälerei nicht genug sein kann, gibt es da ja noch diese feine Veranstaltung in Luxemburg: den Mill-Man-Trail.

Das Sauerland - wer hat den Kühlschrank aufgelassen? Wiesenabfahrt.
#1 Das Sauerland – wer hat den Kühlschrank aufgelassen? Wiesenabfahrt.

STOP! Seit Tagen geistern abenteuerliche Wetterprognosen durch das Netz. In der Eifel soll es ab 600 m schneien, und zwar heftig. Eine nette Stimme im Radio sprach gestern zu mir: Von arktischer Kaltluft und Wintersachen war die Rede. Das war so nicht geplant, da hilft es auch nicht ins Sauerland zu fahren, um sich über das Wetter zu mokieren.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Je nachdem, welche Wetter-App man öffnet, schwanken die Prognosen über die ganze Bandbreite des Unmöglichen. Ganz leise hoffe ich, dass einige Wetterfrösche vergessen haben, ihre Daten zu aktualisieren. Sofort fällt mir ein Spruch von Günther Reitz (Team Firebike-Drössiger) ein, dem Mann, dessen Beine nicht wissen, wie alt sie sind: „Muschi, wenn Scheiß-Wetter ist, fährt man Langstrecke. Dann ist es einfacher zu gewinnen, da bleiben die Mimosen zu Hause.“

Bin ich froh, Mimose zu sein!

Der Start der Langdistanzen, gegen Ende der ersten Runde muss man sich entscheiden - 55 km oder 100 km.
#2 Der Start der Langdistanzen, gegen Ende der ersten Runde muss man sich entscheiden – 55 km oder 100 km.

Morgens 6 Uhr in Deutschland, ein Kaffe gehört auf’s Armaturenbrett und ein belgischer Reisfladen liegt auf den Beifahrersitz. Wenn sich das Wetter schon von seiner bescheidenen Seite zeigt, kann ich mir so wenigstens einige Endorphine anfressen. Das Sauerland ist trocken, ich kann es kaum glauben. Aber der gemeine Sauerländer hat den Kühlschrank aufgelassen. Schmuckelige 3 Grad halten mich aber nicht ab, mir die Frage der Fragen zu stellen: Kurz-Kurz, Lang-Kurz oder Lang-Lang ( Nicht mit gleichnamigen Pianisten zu verwechseln)?

Auch die Frage nach Bus-Shuttle oder 12 km Anfahrt zum Start stellen sich mir nicht. Was gibt es Schöneres für befrorene Füße als einen beheizten Bus? Nach der 15-minütigen Fahrt weiß ich dann auch alles über die morgendlichen Rituale der Frau mit den pubertierenden Gören drei Halteschlaufen weiter.

Die ersten Kilometer entzerren schnell das Fahrerfeld, bevor...
#3 Die ersten Kilometer entzerren schnell das Fahrerfeld, bevor…

...es ins Gelände geht
#4 …es ins Gelände geht

Wie Perlen an einer Perlenkette geht es in den ersten Anstieg des Tages.
#5 Wie Perlen an einer Perlenkette geht es in den ersten Anstieg des Tages.

Startblock 8, Funstrecke 30 km / 750 hm, 16 km bergrauf und dann 14 km bergrunter, grob zusammengefasst. Irgendwie beschleicht mich der Gedanke, dass die Nummer mit dem All-Out auf der Kurzstrecke noch nie wirklich funktioniert hat.

Ein All-Out will vielleicht doch geplant sein im Seniorenalter. Es erfolgt der Start und eine spontane Entscheidung, mich bis Kilometer 16 zurück zuhalten. Ich bin begeistert über die Organisatoren des Rennens, die es verstanden haben, über die Streckenführung auf den ersten Kilometern das Feld schön entspannt auseinander zu ziehen. Kaum Rangeleien und eine Gruppe, die läuft. Das ist natürlich vorbei, als es in die ersten Anstiege geht. Mit zunehmender Defektdichte im Feld blasen auch die ersten Übereifrigen ab und verabschieden sich aus den Führungsgruppen.

Nach der Wiesenabfahrt waren die meisten Höhenmeter gefahren, ab jetzt nur noch Fulllllgazzzzz.
#6 Nach der Wiesenabfahrt waren die meisten Höhenmeter gefahren, ab jetzt nur noch Fulllllgazzzzz.

Die Streckenführung wurde in diesem Jahr verändert. Es wurden ein paar Trails mehr eingebaut.
#7 Die Streckenführung wurde in diesem Jahr verändert. Es wurden ein paar Trails mehr eingebaut.

Starrgabel fahren ist ab einem gewissen Punkt reine Liebhaberei.
#8 Starrgabel fahren ist ab einem gewissen Punkt reine Liebhaberei.

Zurückhaltung zahlt sich aus, und zur Hälfte der Waldbeschau gebe ich mir dann den All-Out. Mit dem Messer zwischen den Zähnen lässt sich schlecht reden und manchmal leidet auch die Aufmerksamkeit. Das wiederum kommt ganz schlecht mit einer Starrgabel. Die Traildichte nimmt dann für deutsche Verhältnisse zu, ein Genuss. Immer feste zubeißen, sonst fällt bei dem Gescheppere das Messer aus dem Mund. Und wie das so ist, wenn man eine Strecke nicht kennt: Man verpasst man immer den richtigen Augenblick für den finalen Angriff. Somit ist einer von dreien, die ich noch packen wollte, eine akzeptable Quote, aber zufrieden macht es nicht. Zweiter Platz Teamwertung, eine tolle Strecke und eine gute Organisation werden wohl zur Rückkehr in 2017 motivieren.

Sauerland, du machst lustig wie saure Drops.
#9 Sauerland, du machst lustig wie saure Drops.

Es gibt keine Platzierung, die nicht für einen Zielsprint taugt.
#10 Es gibt keine Platzierung, die nicht für einen Zielsprint taugt.

Wenn Endorphine Blasen werfen, bist du auf dem „Mill-Man-Trail“

Intelligenz ist kein Zustand, sondern eine Eigenschaft, die zu nutzen die große Kunst des Einzelnen ist. Davon auszugehen, sich mit einer Startnummer, einem Massenstart und einer Zeitnahme automatisch in einem Rennen zu befinden, ist ein Trugschluss in Luxemburg. Warum das Ganze, wenn am Ende kein Ergebnis unterm Strich vorliegt, bleibt schleierhaft –  ist aber auch sowas von egal. Ich will den „Mill Man Trail“ fahren, weil mir Gourmettrails versprochen wurden. Hoffentlich wissen die Verantstalter, dass ich von den belgischen Rennen arg verwöhnt bin und ich meine Gourmet-Sterne nicht willkürlich verteile.

Das Mullerthal in der luxemburgischen Schweiz.
#11 Das Mullerthal in der luxemburgischen Schweiz.

Das Rennen von gestern in den Beinen und eine arktische Schneefront vor Augen. Auf dem Weg über die Ardennenachterbahn an Spa-Francorchamps vorbei präsentieren sich die Ardennen von ihrer spätwinterlichen Seite. Über Nacht hat es geschneit, da freue ich mich doch, daran gedacht zu haben, meine Wintersachen nochmal aus dem Schrank zu holen.

In Echternach angekommen wird schnell klar, wie multikulturell die heutige Veranstaltung wird. Niederländische, französische, belgische und deutsche Autos reihen sich in Massen auf den mit Raureif bedeckten Wiesen. Was vor 5 Jahren als kleine lokale Veranstaltung mit 250 Starten angefangen hat, hat sich zu einer Jagd auf die begehrten 1.500 Startplätze entwickelt. Mit Steckenlängen von 25 km/40 km/70 km/100 km werden die handelsüblichen Streckenlängen für CTF Veranstaltungen in den Benelux angeboten.

Kalt ist es, langsam gefrieren Wassertropfen in meinem Bart. An Startaufstellung ist kaum zu denken, so proppevoll ist das Starterfeld zum Jubiläum. Zwei Dudelsackspieler geben ihr bestes, um für Kurzweil zu sorgen, dann geht es los. Hey Mill-Man-Trail, zeige mir was du kannst. Die Erwartungshaltung ist hoch. Nach 5 km kommen die ersten Zweifel auf, dann aber kommt es zur ersten Explosion der Sinne. Ein Trail vom Allerfeinsten bergan durch einen tiefen engen Taleinschnitt. Überall nur übergroße Steinmurmeln, als hätte ein trotziger Zyklop das Spielen satt gehabt und die Murmelbahn umgeworfen.

Uiuiuiuiuiui, das wird hier nix für Techniklegastheniker und am Ende kommt ja noch das Mullertal. Wenn Trails zur Delikatesse werden, dann befindet man sich im Regelfall bei einem der belgischen MTB Frühjahrsklassikern, der Ardennentrophy oder Malmedy. Und ich erlaube mir, diese Runde um den „Mill-Man-Trail“ zu erweitern. Was mir auf den folgenden Kilometern an Trails vor die Füße geworfen wird, ist unfassbar GEIL.

Der Weg ist das Ziel zum Trail.
#12 Der Weg ist das Ziel zum Trail.

Da ist schon einer, und direkt von seiner flowigen Sorte.
#13 Da ist schon einer, und direkt von seiner flowigen Sorte.

Die spektakulären Felslandschaften aus Sandstein, die durch Flüsse und Bäche durchzogen werden, sind ein Sinnesrausch. Diese vielen kleinen Gewässer haben zusammen mit der Erosion das einzigartige Aussehen dieser märchenhaften Felskulisse geschaffen. Ihren zweiten Namen “Kleine Luxemburger Schweiz“ hat die Region zu Recht verdient. Höhenmeter am Stück gibt es hier, genauso wie die gewohnt üppige kuchenlastige Verpflegung an der Strecke. Ich liebe diesen leckeren Pudding-Apfel-Kokos Kuchengedönsrat.

Der letzte dieser „200 hm am-Stück-Vernichter“ kommt nicht von ungefähr: erst nach 50 km und fällt unter die Kategorie „STEIL IST GEIL“. Die Alte Römerstraße hoch nach Berdorf hat teilweise bis zu 25 % Steigung und führt am Ende doch wirklich zwischen Sandsteinfelsen über den alten römischen Straßenbelag. Der ist nicht nur schmierig und rutschig, sondern auch konditionell eine echte Herausforderung, nach 1.000 hm Trailgeballere. Wie auch in Belgien üblich, befindet sich nach dem härtesten Anstieg immer eine Verpflegungsstation mit Kapelle. Die ganzen Rad-Zombies, die der Anstieg ausspuckt, müssen für das nächste Highlight präpariert werden.

Da hat einer seine Murmel vergessen.
#14 Da hat einer seine Murmel vergessen.

Wer will, darf auch Fullllllgazzzzz.........
#15 Wer will, darf auch Fullllllgazzzzz………

...oder ganz langsam, weil es so tricky ist.
#16 …oder ganz langsam, weil es so tricky ist.

Das Aesbesch-Tal: Hoch und majestätisch ragen die Felsformationen neben uns auf. Der Talgrund ist teilweise nur einige Meter breit und Dutzende Holzbrücken führen über den Aesbesch (einen Zulauf zur Sauer), der uns dauernd den Weg versperrt. Wer hier nicht einiges an Geschick und Blick für den Trail mitbringt, hat verloren und liegt im Bach, herrlich. Nach 70 km und 1.500 hm hat dann der Spaß/die Qual ein Ende und mündet, wie es sich in den Benelux gehört, am Ausschank für isotonische Hopfenmalzgetränke, Prost.

Ein letzter Blick...
#17 Ein letzter Blick…

...und ein letzter Trail. Auf wiedersehen bis nächstes Jahr
#18 …und ein letzter Trail. Auf wiedersehen bis nächstes Jahr

Das Fazit eines Wochenendes:

Die Bereitschaft zum Quälen wird, bei vorausschauender Planung, mit befriedigender Ekstase belohnt. So unterschiedlich beide Veranstaltungen auch sind, so bieten sie beide für sich gesehen ihren Reiz. Die adrenalingeschwängerte Atmosphäre im Sauerland contra einer Explosion der Sinne in Luxembourg mit drei Gourmetsternen. Ich für meinen Teil werde im nächsten Jahr bei beiden Events wieder anwesend sein. Beide Veranstaltungen sind immer rasch ausgebucht und sollten frühzeitig eingeplant werden. Die 70 km des „Mill-Man-Trail“ beinhalten alle Highlights. Wer aber seiner Kondition das letzte abverlangen will, ist auf der 100 km Distanz mit seinen 2.200 hm noch besser aufgehoben.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi