Die Wiese der 1000 Flüche

Gerade eben schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, „Ich habe Bock auf Fulllllgazzzz“. Einige Augenblicke später zeigt mir mein Spiegelbild einen Vogel. In meinem destruktiv-untrainierten Zustand ein Marathonrennen fahren zu wollen, ist im Moment wohl nur abseits jeden Leistungsgedanken möglich. Soll ich mich wirklich vom Nagelbrett eines stagnierenden Hausumbaus und aus dem emotionalen Grabenkrieg mit einer pubertierenden Jungfer erheben, um mich mal wieder einer eingehenden Laktatbehandlung zu unterziehen? „Ja ich will!“, sage ich zu meinem Spiegelbild und es laufen mir zwei Tropfen Schweiß in einen imaginären Stehkragen, während ich ihr, der „Wiese der tausend Flüche“, meine Treue schwöre.

Wer sie nicht kennt, sollte sie unbedingt kennenlernen. Das schönste Date mit der „Wiese der tausend Flüche“ hat man nach einem dreitägigen Dauerregen, aber auch sonst ist die abschließende Runde über die Wiese beim Schinderhannes-Marathon in Emmelshausen eine Reise wert.

Für viele Fahrer aus dem Westen, die den Weg ins Sauerland scheuen, ist spätestens das Schinderhannes-Rennen der Auftakt in die Rennsaison. Bei mir ist es dieses Jahr nur der Griff nach dem Strohhalm, eine Suche nach Bestätigung. Monate des zügellosen Lustgebarens eines Handwerkers auf einer immerwährenden Baustelle, zwischen Gelegenheitszigarette und Küppers Kölsch, haben ihre Spuren hinterlassen. Kann ich überhaupt noch schnell, fernab von kurzweiligen STRAVA Segmenten? Darum gönne ich mir auch nicht den satirischen Witz der Langstrecke, sondern kokettiere mit der Mitteldistanz in Erwartung eines würdevollen Todes. Bei der Lektüre der Teilnehmerliste ist auch sehr schnell klar, wer meine Sargträger auf diesem 69 km mit 1600 hm werden sollen.

Racehardtail 2017 made by www.hape-bikes.de
#1 Racehardtail 2017 made by http://www.hape-bikes.de

Regen ist in den letzten Wochen ja eher Mangelware. Das bisschen, was von oben kommt, versickert so schnell im Erdreich wie Gummibärchen in meinem Mund. Darum nehme ich die Meldungen meiner Wetter-App auch nicht wirklich ernst. Sie prophezeit zur Wochenmitte Regenmengen von apokalyptischen 12 mm Wasser auf jedem verdammten Quadratmeter.

Als am Donnerstag der Regen dann wirklich in anhaltender Ekstase ein Training unterbindet, glaube ich immer noch an die Saugkraft der trockenen Böden rund um Emmelshausen. Als der Freitag mich mit noch mehr Regen begrüßt, google ich nervös nach einem Wetterdienst, der mir mein Wunschwetter zum Wochenende versprechen kann. Netterweise sind sie sich fast alle einig darüber, dass ein sonniges Wochenende bevorsteht. Aber weiß das auch der Regen? Möchte die Wiese noch einmal ihren Mythos erneuern, den sie in der Schlammschlacht anno 2012 geschaffen hat?

Eine andere Frage wird von der Person an der anderen Seite des Tischs gestellt – und diese lässt alle Fragen zum Wetter in den Hintergrund rücken. Die Frau des Hauses will eine verlässliche Auskunft über mein Zeitmanagement am Raceday erhalten, steht doch um 17 Uhr eine Grillparty in unserem Garten an. Ihren Namen tanzende Fragezeichen wandern zwischen meinen Ohren hin und her und treffen sich im luftleeren Raum zwischen den Horschlappen. Wir grillen?

Schnell stellt Frau Doria fest, dass Zeitmanagement bei mir wie immer ausverkauft ist und ich nach ihrem Dafürhalten gerade mal Zeit für die Kurzstrecke habe. „Dann ist das wohl so“, grummel ich und melde mich mit ein paar Anschlägen auf die Laptoptastatur um. Beim Aufräumen im Keller finde ich ein Zelt, was mir die Idee näher bringt, mich dem morgendlichen Raceday-Stress mit früh aufstehen und Magenschmerzen zu entziehen. Wir könnten doch schon am Abend vorher anreisen. Wir sind sowieso ganz in der Nähe, um mein Team bei der Ausrichtung eines Benefiz-Everesting zu unterstützen.

Benefiz-Everesting Riedener-Mühlen
#2 Benefiz-Everesting Riedener-Mühlen

Wenn es um kranke Kinder geht, kommen gerne auch bekannte Trikotfarben vorbei.
#3 Wenn es um kranke Kinder geht, kommen gerne auch bekannte Trikotfarben vorbei.

Sammeln zum Kidsrace
#4 Sammeln zum Kidsrace

Genauso passiert es und so sitzen wir abends auf dem perfekten Zeltplatz mit Aussicht auf einen perfekten Sonnenuntergang. Die Romantik der untergehende Sonne hinter einer Armada von Windrädern lässt sogar die Schwierigkeiten beim Zeltaufbau in den Hintergrund treten. Ich hätte mal Heringe mitnehmen sollen und eine Taschenlampe und Kopfkissen und mein Garmin. Verdammte Vergesslichkeit, ein Hoch auf das Improvisationstalent einer leidgeplagten Frau.

Morgens 6.30 Uhr, ein Furz aus dem Nachbarzelt küsst mich wach. Ruhe am Morgen ist unbezahlbar. Ein Furz als Ersatz für Aufstehen um vier Uhr hat eine ganz besondere Duftnote. Entspannt geht es weiter, sogar als es in die Startaufstellung geht. Der vordere Startblock voll mit geballter Kurzstrecken-Kernkompetenz bringt mir wieder die zwei “ei” näher: Tiefstapelei und Lamentiererei. Als ich nach dem Rennen die ganzen Frasenschweinereien Revue passieren lasse, zweifele ich daran, ob Training überhaupt sinnvoll ist, wenn alte Herren mit massivem Trainingsrückstand aufs Podium der Altersklasse fahren können.

Morgens 7 Uhr in Deutschland, erstmal Kaffee.
#5 Morgens 7 Uhr in Deutschland, erstmal Kaffee.

Wo ist bitte die Startnummernausgabe?
#6 Wo ist bitte die Startnummernausgabe?

Ordnen sie bitte die Fahrer nach Leistungsvermögen ein.
#7 Ordnen sie bitte die Fahrer nach Leistungsvermögen ein.

Die coolste Brille im Starterfeld und meine Linse beschlägt.
#8 Die coolste Brille im Starterfeld und meine Linse beschlägt.

Vermehrtes Aufsitzen deutet auf eine neue Emotionslage hin. Trinkflaschen werden abgegeben und angespannte Gesichtszüge verstecken sich hinter coolen Sonnenbrillen. Start und go, der übliche nervöse Hickhack bricht sich Bahn. Jeder sucht eine Lücke, versucht seine Ambitionen im passenden Windschatten zu positionieren. Ich lächele, denn im Vergleich zu meinem letzten Auftritt hier in 2014 sitze ich noch auf dem Rad. Damals haben die vorderen lycratranspirierenden Reihen den Gesichtswirsing mit dem Fullfacehelm nicht daran hindern können, sich mit seinem Enduro und Plattformpedalen unter die Laktatjunkies zu mischen. Der Duft von Latschenkieferöl auf rasierten Männerbeinen hat ihn dann nicht davon abgehalten, mich sofort beim Antritt abzuräumen, alle Neune mit Überschlag. Wie ein Maikäfer auf dem Rücken lag ich damals wild gestikulierend vor der Startlinie. Das Feld flüchtete vor meiner Schimpftriade, bis mir auch auffiel, dass die Uhr tickt.

Zurück in 2017, nervös und hektisch aber geordnet geht es auf die 6 km lange Einführungsrunde. Ich habe mein Hinterrad. Pedro bot es mir an, wegen schlechtem Trainingszustand und so. In der Hoffnung “Kumpels lügen nicht” werde ich jedoch später eines Besseren belehrt. Einmal wird es unentspannt, als wir die erste enge Kurve passieren. Dort schafft es wirklich wieder ein Kollege, sich mitten auf den Radweg wegzuwerfen. Ein Rad fliegt durch die Luft, touchiert drei andere Fahrer, die akrobatisch ausweichen, bevor dahinter alle fast zum Stehen kommen. Vorsicht Auffahrunfälle! Toll, mein spanisches Hinterrad ist weg! Am Ende der Einführungsrunde radele ich im Niemandsland zwischen Leistungsträgern und Genussmasochisten. Es geht zum ersten Mal über die Wiese der tausend Flüche, heute ist es trocken und alles ist gut. Die Sonne küsst mich. 

Hat es was zu bedeuten, wenn man erleuchtet wird?
#9 Hat es was zu bedeuten, wenn man erleuchtet wird?

Von hinten kommen drei und ich bleibe dabei. Es geht ab ins Baybachtal. Ich gönne mir ein wenig Ruhe am Ende der Gruppe und frage mich, ob es nicht besser wäre, meine Abfahrtsqualitäten zu nutzen und Gas zu geben. Bevor ich zu einem Ergebnis gekommen bin, sind wir schon unten und im nächsten Anstieg stellt sich die Frage des Wegfahrens nicht. In den nächsten zwei Abfahrten setze ich mich an die Spitze, bevor der zweite lange Anstieg unsere Gruppe sprengt und ich abblasen muss.

Um mich herum passiert nicht viel. Ab und an kommt ein Motivierter an mir vorbei gehastet, während ich mich garnicht so motiviert anfühle. Da kann auch die kommende lange Abfahrt nichts dran ändern, ich bin in meinem Leistungsloch gefangen.
Das folgende Sägezahnprofil über Waldautobahnen ändert nur eins, es fährt eine größere Gruppe von hinten auf. Ich versuche verkrampft, mich hinten dran zu hängen. Wie ein entzündeter Blinddarm kurz vor der OP lässt man mich an der langen Leine vertrocknen. So habe ich mir das nicht vorgestellt.

Ab und zu gibt es auch Matsch, die Vittoria Peyote/Mezcal laufen.
#10 Ab und zu gibt es auch Matsch, die Vittoria Peyote/Mezcal laufen.

Kurz vor Halbzeit bekommt der kleine Choleriker in mir nochmal Ausgang und rettet mein Rennen. Marathonrennen in Deutschland sind im Regelfall für jeden fahrbar und das ist auch gut so. Die Veranstalter leben von der großen Masse an Hobbyfahrern, die einen Startblock füllen. Schön, wenn man sich in den ersten Reihen mit klangvollen Namen aus dem Lizenzbereich schmücken kann. Jedoch ist es immer ein Ärgernis, dass so manch ungeübter Fahrer sich als Hindernis in technischen Stücken positioniert. Bin ja auch selber Schuld, dass ich hinten fahre.

Da ist dieser Einstieg in den Trail am Bühlbach, irgendwo jenseits der 30% Gefälle abfallend zum Bach. Genau so ein steiles Stück, wo laufen gefährlicher ist als auf dem Rad sitzen zu bleiben. Ich fahre sehenden Auges in das Knäuel Tretschweine hinein, das sich gerade sehr intim kennenlernt. Krampfhaft versuche ich das Rad stehend im Steilhang auszubalancieren, bis sich die Rotte vor mir nach rechts und links ins Gebüsch geschlagen hat. Wie ich dies geschafft habe, lässt sich auch später nicht mehr rekonstruieren. Wichtig ist, ich sitze und habe den Trail für mich alleine. Ich bin ein Fluchttier, diese unnötige Verschandelung meines Fahrerlebnisses soll sich nicht wiederholen. Das ist mein Gelände, das Adrenalin wird mit Endorphinen zum passenden Cocktail zusammengerührt, um die 130 hm vorbei am Mühlenbach hoch zur Verpflegungsstation immer noch von vorne weg fahren zu können.

Flucht nach vorne zur nächsten Abfahrt.
#11 Flucht nach vorne zur nächsten Abfahrt.

Oben angekommen, fahren einige Fahrer der Gruppe wieder auf mich auf. In der nächsten Abfahrt am Hergester Bach bin ich wieder weg. Wir finden keine Gemeinsamkeiten, die Gruppe und ich. Je ruppiger die Abfahrten sind, desto größer ist mein Vorsprung. Jedoch irgendwann stellen sie mich wieder und im Zielanstieg muss ich die verbliebenen Fahrer auch ziehen lassen.

Ich tröste mich damit, dass ich mich auf den letzten Kilometern besser fühle als in den Jahren zuvor. Nach vorne ist nichts mehr zu holen und die Lücke nach hinten ist nur noch zu verwalten. Das sind beste Voraussetzungen, um auf der Wiese der tausend Flüche nochmal mit Vollgas über den Acker zu pflügen, bevor man sich in der schwer erarbeiteten körperlichen Erschöpfung verlieren darf. Wenn das Ergebnis am Ende auch noch besser ist, als es dem aktuellen Trainingsstand entspricht, umso besser. Aber das Wichtigste überhaupt, ich war schnell genug im Ziel, um so pünktlich zu Hause zu sein, dass ich meine größte Stärke auf dem Rad ausspielen konnte: Die Pause!

Mein Zielbogen, bitte einpacken.

#12 Mein Zielbogen, bitte einpacken.