Die Peinlichkeit der Akzeptanz

„Fußballspieler sind Sadisten, und Radfahrer Masochisten.“

Kam mir dazu spontan in den Sinn und entbehrt nicht einer gewissen Grundlage. Nicht nur, dass wir uns das ganze Jahr immer und ewig schinden, um unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, nein wir haben sogar Spaß dabei. Wetter gibt es für uns nicht. Uns interessiert nicht, ob es hagelt oder schneit. Nein, wir gehen auch bei 35 Grad im Schatten auf eine Alpencross-Etappe. Ein halbes Jahr später holen wir uns dann noch die ausreichende Kältehärte ab, bei 3 Grad im lichten Nebel auf unseren Hometrails.

Ist das nicht schon genug, um unsere Frauen zum Kopfschütteln zu bringen? Zur Krönung fügen wir uns auch noch andauernd Schmerzen zu. Ob Bikepark, Marathon oder Radweg, wir finden doch immer eine Gelegenheit der Welt zu beweisen, dass Radfahrer die echten wahren Männer sind. Die dümmsten Stürze sind meist auch die peinlichsten, nichts wird ausgelassen. Um das zu untermauern, habe ich mir letzte Saison dazu direkt zweimal einen Radweg ausgesucht. Des Spannungsbogens Willen musste dieses Jahr eine Steigerung her. Nichts bot sich besser an als die „Night on Bike“, denn dort hat man ja auch direkt das passende Publikum. Was kann schöner sein als die anerkennenden Blicke der Konkurrenz für einen Spontan-Stunt-Act. Wichtig ist nur: man sollte ihn erfolgreich überleben.

Die schlimmsten Stürze passieren immer dann, wenn man sich am sichersten fühlt, oder es am wenigsten erwartet. So á la Hans-guck-in-die-Luft auf dem Radweg beim Palavern in der Kolonne einen entgegenkommenden Radfahrer mitnehmen oder beim Wechsel von Radweg auf die Straße sich in einer Längsfurche auf dem Grünstreifen überschlagen. Mir ist nichts peinlich genug, um diese Kolumne zu füllen.

Genauso dumpfbacken ist es, Hobbyfahrer auf der Rennstrecke zu ignorieren. Das kann schon mal mit einem gebrochenen Helm enden. Aber so weiß man danach zumindest, wozu das Material fähig ist.

#1

Wie sagte schon Walter Röhrl:

„Wenn du den Baum siehst, in den du reinfährst, hast du Untersteuern. Wenn du ihn nur hörst, hast du Übersteuern.“

Sekunden entscheiden über den Rest des Tages und mehr. Nach dem Sturz, in flagranti im Dreck liegend, bildet sich eine einsame Sprechblase über dem Geschehen:

„Was ist hier passiert! Warum kann ich nicht atmen?
Meine gute neue Teamhose hat ein Loch.
Hoffentlich ist das Rad nicht kaputt.“

Das ist dann die Initialzündung. Das Rad – nichts motiviert mich mehr meine Schmerzen zu ignorieren, als die Sorge um den Rennboliden. Erst das Material, dann der Fahrer, altes Radfahrergesetz. Der einwandfreie Zustand des Carbonrahmens wird sichergestellt, das Finish des lackierten Stahlrahmens kontrolliert oder um die Funktion des 180 € Schaltwerks gebangt. Bei der Inventur meines Körpers kommt es dann zum Ärger über das zerfetzte Teamtrikot und das Loch in der guten Biehler-Radhose. Der Ärger hat ein gutes, ich vergesse den Schmerz und Blut ist ersetzbar. Alles was blutet, brauche ich zu Hause unter der Dusche nicht mit der Bürste sauber zu schrubben. Und natürlich wird die Fahrt danach fortgesetzt. Man sollte unbedingt die Möglichkeiten nutzen, die so ein Schockzustand mit sich bringt.

Zuhause angekommen werde ich mir dann auch meiner Schmerzen bewusst. Was steht denn heute auf dem Programm? Schultereckgelenk, Rippen, Wirbelsäule, Kahnbein, Handgelenk, hört sich an wie eine Bestellung bei Fleischer Wutz in Nickenich

Als nächstes stellt sich dann die Frage: Ist der Start beim nächsten Event gefährdet? Zuhause sollte man dann auch kein Mitleid von seiner Frau erwarten. Es wird aus Sorge eher geschimpft als getröstet. Ich stand nach der „Night on Bike“ kurz davor, mein Rad abgenommen zu bekommen. Die Heeresleitung ist Ungemach gewohnt. Aber solange der Herr noch aus eigenem Antrieb nach Hause radelt, kann es so schlimm nicht sein. Es gibt sogar Frauen, die ihre Männer nur unter der Auflage abholen, das Auto nicht vollzubluten. Mir fehlen die Worte über so viel Gefühlskälte. Wir sind aber selber schuld! Wären wir Fußballer geworden, könnten wir auf Mitleid hoffen. Aber wer will schon Heulsuse sein…

Wenn schon keine Zuschauer, dann muss wenigstens eine Kamera dabei sein.
#2 Wenn schon keine Zuschauer, dann muss wenigstens eine Kamera dabei sein.

Das können unmöglich meine Beine gewesen sein.
#3 Das können unmöglich meine Beine gewesen sein.

 Das sieht wohl eher nach Materialermüdung aus.
#4 Das sieht wohl eher nach Materialermüdung aus.

Danach folgt immer dasselbe Ritual: Ist Mann dann aus seinen zerfetzten Edelstöffchen gepellt und hat sich die Schürfwunden blutig geschrubbt, seine Gliedmaßen sortiert und unter Ignoranz aller Schmerzrezeptoren was gemütliches angezogen, kommt Frau mit der Frage:

„Schatz, meinst du nicht, du musst zum Arzt? Du kannst dich vor Schmerz doch kaum bewegen. Ich bin zwar begeistert von dem tollen neuen Tattoo auf deinem Oberschenkel, aber musste das sein? Ich liebe dich auch so. Meinst du nicht, dass dieser schwarze Fleck auf deiner Niere, der wie ein Einschussloch aussieht, behandelt werden muss?“

Das ist dann die große Stunde meines zweiten ICHs, dem selbsternannten Ambulanzchirugen “Dr. Bob“, dem Diagnostiker meines Vertrauens. Ich bin Weltmeister der Eigendiagnose. Ich habe den Röntgenblick und ein eingebautes Ultraschall in den Händen. Ich geh doch nicht zum Arzt mit dem Firlefanz. Ibuprofen ist was für Weicheier, ich brauche einen Whiskey.

„Mensch Frau, jetzt geh weg mit den Globulis. Kinder kriegen ist auch nicht schlimmer als Radrennen fahren.“

Frau ganz eigen, lächelt und wartet auf den Moment. Den Augenblick, indem sie dem Herrn der Schöpfung sein Gejammer in Endlosschleife vorhalten kann. Es gibt nun kein Zurück mehr für den Helden. Er wird schonungslos zum Arzt getrieben, notfalls unter Androhung von Sportentzug.

Die sanfte Weiblichkeit hat über den Adonis auf zwei Rädern gesiegt. Sie interessiert es nicht, was mit Rad und Rennen passiert.

Für uns Männer ist es manchmal ganz gut, die Peinlichkeit der Akzeptanz anzunehmen. Wir sind eben nicht die unsterblichen Helden unserer Phantasien. Unsere Frauen kümmern sich darum, dass wir das nicht vergessen und wir regelmäßig gewartet werden. Auf unsere Frauen ist Verlass. Prooooost, auf dass wir ewig weiterfahren.

In diesem Sinne – Think Pink, eure Muschi

Grauzonenbiker Lars weiß immer Rat.
#5 Grauzonenbiker Lars weiß immer Rat.