* Der Kampf gegen das Arschloch-Gen

Ein schwarzer Blitz fliegt an mir vorbei, quert die Fahrbahn, missachtet das Rotlicht und verschwindet 30 m weiter im Dämmerlicht des nahenden Sonnenaufgangs. Die Ampel springt auf grün und ich übe dreimal den Schulterblick, bevor ich rechts abbiege. Nicht, dass einer dieser Kamikaze auf zwei Rädern bei mir einschlägt und mir den Tag versaut.

Hält sich morgens die Dunkelheit wieder länger in den Straßenschluchten der Stadt, kriechen die Schattenflitzer aus ihren Löchern. Dunkle Kleidung, keine Beleuchtung an Front und Heck. So sieht man sie wieder vermehrt. Lebensmüde Radfahrer jeden Alters versuchen, den Weg zur Arbeit so schnell wie möglich lebend zurückzulegen. Der Sinn von Verkehrsschildern erschliesst sich ihnen nur als unverbindliche Empfehlung, nicht als Regel. Wird ihnen ihr Recht zur Anarchie versagt, wird gepöbelt und geschimpft und mit dem Mittelfinger auf die aktuelle Stimmungslage verwiesen.

3 Tage später! Ich bin mit dem Rad auf Besorgungsfahrt. Sehr zügig fahre ich auf dem Radweg dahin, natürlich auf der falschen Seite. Beschwerden werden mit einem Lächeln entgegen genommen. Ich beschwere mich aber lautstark über die Missachtung meiner, mir von der StVO gegebenen Vorfahrt. Wenn ICH die Vorfahrt missachte, ist das natürlich was anderes. Hatte ich mich vor Tagen nicht über diesen Rotlichtverächter aufgeregt? ICH tue das wenigstens, ohne andere zu gefährden.

Bin ich wahrnehmungsgestört? Vor Tagen habe ich mich noch über das missfällige Verhalten einiger Radfahrer echauffiert. Jetzt, selber in der Rolle des Radfahrers, bin ich aber keinen Deut besser. Verkehrte Welt, im Wald versuchen wir, nett und freundlich mit anderen Waldnutzern umzugehen, um unsere Interessen zu schützen. Hier draussen im Asphaltdschungel sind Radfahrer nur noch Opfer ihrer eigenen Wahrnehmung und erleben permanent einen Akt der Um-Radikalisierung, sobald sie auf das Auto umsteigen. Penetrant-Protest gegen Gebote und Verbote als Ausdrucksform der persönlichen Individualität.

Schilder sind Orientierungshilfen, ein Rücklicht weist nur darauf hin, wohin der Rebell verschwindet. Solange es Straßenbeleuchtung gibt, gilt ein Dynamo als Zeichen des Spießertums. Das Ordnungsamt ist ein Spielgefährte beim Katz-und-Maus-Spiel in deutschen Fußgängerzonen. Und Fussgänger dienen als lebender 3D-Hindernisparcours, eine Herausforderung für den sportlich jungdynamischen Cyclo-Chao-tisten.

Dazu kommt, dass der deutsche Radweg teilweise mehr Todesstreifen als Rückzugsfläche für gefährdete Radfahrer ist. Er leidet unter Lochfraß, Falschparkern und verirrten Fußgängern. Wer will es Radfahrern verdenken, dass sie ihn meiden und ihr Glück auf den meist gepflegten Strassenbelägen nebenan suchen? Dort ist dann aber der Autofahrer auf dem Aggrotrip, weil der Cyclist den Mindestabstand zum Fahrbahnrand einhält. Mindestabstand? Autofahrer kennen das Wort vage aus der Verkehrserziehung rund um „Der 7. Sinn“. Auch die Art und Weise, wie Radfahrer in sozialen Netzwerken durch Mitmenschen zu diesem Thema bedroht und beleidigt werden, ist untragbar. Dies macht deutlich, wie wichtig es für viele von uns ist, sich näher mit ihrem Arschloch-Gen auseinander zu setzen.

Am Wochenende spuckt der Wald mich, in Ermangelung eines tauglichen Forstweges, nahe eines Radweges aus. Auf dem Radweg kommt von hinten ein Rennradfahrer und zieht lässig an mir vorbei. Ich ganz schlau, ab in den Windschatten. Das war dann auch das Ende der Lässigkeit bei unserem Eddy Merckx im Speckmantel. Lautstark moppert er rum. Ich soll verschwinden. Windschatten als schützenswertes Gut bei einer Sonntagsausfahrt, drollig. Der Deutsche verteidigt seinen Jägerzaun an jeder Front. Gebt dem Windschattenfahrer keine Chance. Er versucht mich mit einem Bremsmanöver und einer Tätlichkeit abzuschütteln. Der Wald rettet mich vor einer Erwiderung.

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Deutsche trinken einfach zu viel Aggrowasser – und das fortbewegungsübergreifend. Wie ich darauf komme? Verirrt euch mal mit dem Rad auf einen Reitweg, da fliegt schon mal die Gerte. Die Krönung ist aber, wenn euer hochgradig Wohlgeboren den lästigen Mountainbiker versucht zu überreiten. Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn im Wald der Obachtruf „Vorsicht Sauerbraten“ ertönt. Das Arschloch-Gen kennt keine gesellschaftlichen Grenzen.

Ich bin auf einem gut ausgebauten Radweg unterwegs. Eine Bushaltestelle, eine Mutter, ein Kinderwagen und ein Kleinkind besiegeln meine Glückseligkeit an diesem Tag. Mama schaut nach dem Baby. Das Kleinkind läuft plötzlich auf den Radweg genau vor mein Rad. Ich bremse scharf und ich überschlage mich über das Kind. Glück gehabt, dem Kind ist nichts passiert. Eigentlich hätte ich für diese akrobatische Glanzleistung Applaus verdient. Stattdessen packt Mama bösen Blickes ihre Kinder und verschwindet ohne ein Danke oder der Frage nach meinem Befinden. Anscheinend war ich wohl schuld an dieser Situation.

Man muss sich in Zeiten von Willkommenskultur und der jahreszeitlich bedingten Nächstenliebe mal eine Frage stellen. Braucht es eigentlich einen Anlass, um diese Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu praktizieren? Es ist ja schön anzuschauen, dass der fiese Kartoffel-Fritz ein sanftmütiges, gütiges Antlitz in den Medien erhält. Die ausländische Presse ist total irritiert. Gewöhnlich hat der irre Fritz wegen der Energiewende die Lacher auf seiner Seite. Auf einmal mag uns die Welt. Und wenn wir aus dem Rampenlicht der Hilfsoffensive heraustreten, was dann?

Business-as-usual, dann regen wir uns auf dem Nachhauseweg wieder maßlos im Strassenverkehr auf und das gute Gefühl ist weg. Die Deutschen und ihr Arschloch-Gen, eine tragische Beziehung. Diese Verbindung ist schuld daran, dass ich mich selber manchmal nicht leiden mag.
Was wird wohl ein Ausländer denken, der beeinflusst durch die neue deutsche Willkommenskultur 24 Stunden dem deutschen Strassenverkehr in einer Großstadt auf einem Fahrrad ausgesetzt wird? Er wird das Wort Willkommenskultur oder Nächstenliebe aus seinem Wortschatz streichen. Er wird nur die bekannte, durch Vorurteile genährte fiese deutsche Fratze wiederfinden. Und da können wir uns alle mal an die Nase packen – egal, in welchem Aggregatzustand sich unser Gemüt gerade befindet.

Nett und höflich zu sein, ist immer einen Versuch wert. Habe ich auch schon versucht. An all die Menschen, die im Moment ehrenamtliche Nächstenliebe leben: Warum erst jetzt?

Gab es vorher keine Gründe dafür, keinen Hilfsbedürftigen? Die Teilnahme am Straßenverkehr kann einem wirklich den Tag versauen, darum lasst uns alle Opfer spontaner De-Radikalisierung werden. Fangen wir damit an, auf der Straße ein wenig netter miteinander umzugehen.
Kann sich vielleicht ehrenamtliche Nächstenliebe in eine hauptamtliche verwandeln? Das ist zwar schwer vorstellbar, aber einen Versuch wert. Kämpft gegen euer Arschloch-Gen.

Damit entlasse ich euch auf die Weihnachtsmärkte der Republik, eine schöne besinnliche Adventszeit, Prost!

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi