Der E-Bike-Schattenfahrer

„Freude am Fahren“, das ist mein Foto von ‚Rad am Ring 2015‘. Und nichts geringeres, als die Geburt einer neuen Spezies Radfahrer wird auf diesem Bild gefeiert. Die des E-Bike-Schattenfahrers.

Wie konnte es dazu kommen?

Der Nürburgring und das liebliche Eifelwetter stehen, wie Eingeweihten bekannt sein dürfte, in einer schwierigen Beziehung zueinander. Und, wie Beziehungen es schon einmal mit sich bringen, rumst es von Zeit zu Zeit. Mal hier, mal da.

Bei Herrn Ring und Frau Wetter ist der Streit das stete Band, das ihre Beziehung zusammenhält. Von Minus 2 Grad und Schnee im Juni bis hin zum Schlammcatchen während einer Sintflut im August, hat die Eifel alles an Sommerwettern zu bieten, was den gemeinen Nichteifler in den emotionalen Wahnsinn zu treiben vermag.

Vor einem Besuch des Nürburgrings kann es deshalb für den nicht akklimatisierten Besucher von Vorteil sein, sich vorher eine 24-Stunden-Dosis ‚Mac Gyver‘ zu injizieren; um damit für etwaige Unbillen und Kapriolen gerüstet zu sein, wie ein Rückblick zeigt:

Nachdem mir 2013 ein Unwetter um 4 Uhr morgens meine Rundenzeiten vermasselte und ich von der Rennleitung gezwungen wurde, meine erregenden Wasserspiele zu beenden, durften wir heuer wegen einer Unwetterwarnung erst gar nicht starten. Aber Orkanböen sind auch keine wirklich netten Spielgefährten, wenn man ehrlich zu sich selbst ist.

Der Streit in Familie Ring-Wetter erreichte seinen Höhepunkt am späten Nachmittag und was bis jetzt noch nicht weggeflogen war…aber, die Hoffnung stirbt zuletzt. Bis die Rennleitung eine Schlechtwetterabschwächung in Form einer steifen Brise als unspektakulär genug beurteilte, um das Rennen zu starten. Somit konnten die ersten 17h Rad am Ring am Abend gestartet werden.

Start zum 17h Rennen am Nürburgring
#1 Start zum 17h Rennen am Nürburgring

Kalt, nass und unmotiviert, so stehen wir am Start. Es ist gefühlt Anfang November und wir tragen kurz/kurz. Wir sind zu Hause. Als Startfahrer des PST-Racing-Team-Achter habe ich eine Mission zu erfüllen. Wie jedes Jahr soll ich als Startfahrer so schnell sein, dass die nachfolgenden Teamfahrer für ein paar Runden freie Fahrt haben. Dieser Versuch endet aber meist damit, dass ich irgendwann alleine fahre im Niemandsland zwischen den ganz Schnellen und dem Rest.

20.05 Uhr. Start zur ersten Runde der Mountainbiker und jeder weiß, irgendwann fährst du im Wind. Das irgendwann ist klar definiert; es fängt am Ring zum Ende hin an. Im Nirgendwo des Anstiegs „Tiergarten“, kurz vor der Kuppe beginnt die lange Start-Ziel-Gerade.

Und dort darf heute gestorben werden, wenn regenerative Energien aufeinanderprallen. Auf dem folgenden Kilometer wird der unaufmerksame Radfahrer eine geballte Ladung Bremswind absorbieren, was zumindest zur Unterhaltung der Zuschauer beiträgt.

Wir sehen es kommen. Man kann es hören. Wer versteckt sich im Windschatten hinter wem, um ein paar Körner zu sparen? Es werden Spielchen gespielt. Aber dafür habe ich keine Zeit. Ich habe selten Zeit auf dem Rad. Denn manchmal muss man sich dem Unvermeidlichen stellen und mit wehenden Fahnen untergehen. Denke ich mir. „It’s Showtime“.

Der Heldentod wird heute auf den Geraden in der Windkante gesucht. Ich treffe eine Entscheidung. Hochschalten, Arsch hoch, Wiegetritt, wegspringen und warten auf den Einschlag. Fulllllllgaaaazzz……….die anderen lächeln, sie haben ihr Hinterrad gefunden.

Freude am Fahren, 2 E-Biker im Wind und 4 Lutscher hinten dran.
#2 Freude am Fahren, 2 E-Biker im Wind und 4 Lutscher hinten dran.

Die Zielgerade, die Windkante, die E-Biker und die vier Hinterradlutscher, ein Bild für die Annalen – Freude am Fahren. Der Moment, wo ich auf die Start-Ziel-Gerade blicken kann, ist dann auch der Moment der Offenbarung. Die Endlichkeit meiner Muskelkraft kündigt sich an. Ich bin ein Fähnchen im Wind, nur viel zu dick, um das lustig zu finden. Die „Drei von der Windkante“ hinter mir lutschen mir das Hinterrad blank und zusammen warten wir auf mein nahendes Ende.

Kurz vor dem Moment, wo die Einfahrt Boxengasse passiert wird, höre ich ein Summen und es wird lauter.

Im nächsten Augenblick fliegen zwei E-Bikes aus der E-Bike-Challenge an unserer Gruppe vorbei. Jetzt oder nie, Sekt oder Selters! Lieber mit 190er Puls hinter einem E-Bike sterben, als gegen Windmühlen anzukämpfen. DAS denken sich meine Hinterradlutscher aber auch und der E-Bike-Sprinterzug ist geboren. Einfahrt Fahrerlager, die E-Bikes sind weg, das Summen auch. Übergabe kurz vorm Übergeben, der Spaß hat meinen Körper in Richtung Mercedes-Arena verlassen…

Erste Übergabe, wenn der Spaß den Körper verlässt.........
#3 Erste Übergabe, wenn der Spaß den Körper verlässt………

..........muss zumindest die Platzierung stimmen.
#4 ……….muss zumindest die Platzierung stimmen.

In Runde zwei wird E-Bike-Schattenfahren von einer anderen Nahtoderfahrung übertroffen, dem Rapiro-Raptoren-Schattenfahren. Meine zweitliebste Beschäftigung auf Start/Ziel wird es werden, einen Rapiro-Raptor zu suchen. Ihr wisst nicht was das ist, ein Rapiro-Raptor? Ganz unter uns: Die ganz schnellen Jungs hier am Ring, die mit dem Abo zum Sieg, die gehören dem Rapiro-Racing Team an. Und wer schon mal die kleinen, schnuckeligen Dinos im Jurassic Park gesehen hat, die bunten, die immer im Rudel auftreten, der weiß wovon ich rede…wenn sie kommen.

Die Hoffnung, wieder selbst ein Hinterrad mit über 40 km/h lutschen zu können, erfüllt sich in Person von Sebastian Golz, seines Zeichens Nahtod-Koordinator bei den Rapiro-Raptoren.

In Gegenwart der Raptoren ist es immer da. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden. Man kann dann nichts tun außer stillzuhalten. Denn dann tut es nicht so weh, wenn man schließlich wieder einmal vernascht wird. Am Ende „Tiergarten“ spüre ich den Atem des Raptoren in meinem Nacken, als er an mir vorbei sprintet. Er hat es eilig, für ihn und seinen Partner zählt nur der Sieg in der Zweier-Teamwertung.

Ich brauche dieses Hinterrad und reagiere genau im richtigen Moment. Ich schaffe den Sprung an seine Stollenanimation und kurze Zeit später weiß ich, was ein fleischgewordenes E-Bike ist. Der Sauerstoffmangel lässt meine Augen aus den Augenhöhlen treten. Meine Oberschenkel schreien mich an. Aber ich höre sie nicht wirklich, denn der Fahrtwind ist zu laut.

Da ist es wieder, dieses Summen und Surren. Ich sitze in einem Flugzeug, die Turbinen zünden, wir heben gleich ab. Ich wache auf, in dem Moment als zwei Mountainbikes sich mit Vorderrad und Hinterrad ‚Hallo‘ sagen. Ein Grunzen kommentiert unseren Beinahetod bei knappen 42 km/h. Noch mal so eine Nummer, dann frisst er mich wirklich. Eine Abfahrt, eine Kurve, Fahrerlager geschafft. Wo kann ich sterben?

Da lacht der Raptor, Beute voraus.
#5 Da lacht der Raptor, Beute voraus.

Im Schatten der Nürburg kommt im Wald das technische Stück der MTB-Runde.
#6 Im Schatten der Nürburg kommt im Wald das technische Stück der MTB-Runde.

Erfahrung Nummer drei, das finale Fatbikeschattenfahren mit Mitleidsfaktor. Nein, nicht ich suche den Windschatten eines Fatbikes, sondern andersrum. Ich will ja unbedingt den Rundenvergleich von Racefully zu Fatbike ziehen. Deshalb habe ich auch ein Fatbike mit am Start.

Ein Rose Tusker wird mich bis zum Ende der Saison als Dauertestrad begleiten. Und dieser Test beginnt genau HIER. Im bekannten Anstieg sind die Augen groß, als ich im Wiegetritt auf 4 Zoll dicken Reifen an den Schmalspurrittern der Nordschleife vorbei ziehe. Übermütig verhöhne ich im Stillen die Jungs auf ihren Trennscheiben. Oben aber lachen sie mich aus. Eddy Merckx und Co. sind sich ihres Vorteils auf der Geraden bewusst und alle wollen Kannibale sein.

Um Angst zu haben ist es jetzt zu spät. Schamlos rufe ich meine Leidensgenossen um Windschatten an. Die Kannibalen sind verwirrt. Ich ernte ungläubige Blicke. Meint der das ernst? Aber mein Ruf wird erhört und einer der schnellen Trennscheibenfahrer setzt sich vor den Elefanten.

Er will es wissen: Kann ich folgen? Mein Jumbo Jim ist laut, das liegt in der Natur eines 4 Zoll Ballonreifens. Das Geräusch, als auf Asphalt der Fatbike-Turbo zündet, lässt den Elefanten und mich in den Blickwinkel der Zuschauer rücken. Vom mitleidigen Kopfschütteln bis zum aufmunternden Zuruf, die Aufmerksamkeit gehört diesem Fatbike. Auch die Boxengasse gibt alles, was sie zu bieten hat. Und bei 39 km/h bleibt dann außer einem Summen schon wieder nichts mehr übrig.

Woher kenne ich das Geräusch nur??? War da nicht was mit E-Bikes und gestorben wird an einem anderen Tag?!

Eifelbikeconnection goes fat. Die Laimischrider, Vennbiker und die Eifel-Rapiros rocken den Ring
#7 Eifelbikeconnection goes fat. Die Laimischrider, Vennbiker und die Eifel-Rapiros rocken den Ring

"Fat vor Race", in den nächsten Ausgabe der MuaMi werdet ihr mehr über diesen Dauertest hören.
#8 „Fat vor Race“, in den nächsten Ausgabe der MuaMi werdet ihr mehr über diesen Dauertest hören.

 

In diesem Sinne – Think Pink, eure Muschi