* Am Ende der Fahnenstange sitzt ein Kater

Haben wir das Ende der Fahnenstange erreicht? Die Preise für Mountainbikes und deren Komponenten haben sich über die letzten Jahre in schwindelerregende Höhen geschraubt. Wann hat die Kapelle zu Ende gespielt? Macht sich bald endlich so etwas wie eine markenübergreifende Katerstimmung breit? Oder doch alles nur Schwindel, weil das letzte Bier auf der Afterworkparty schlecht war?
Schon jetzt entwickeln sich viele Modelle in den Katalogen zu absoluten Luxusgütern. STOP!
Alle, die sich vor kurzem erst ein 2016er Modell der Marken Specialized oder Trek gekauft haben, sollten ab jetzt bitte nicht mehr weiterlesen. Denn es wird dem einen oder anderen die Zornesröte ins Gesicht treiben; andere werden um die Euro trauern, die nie mehr den Weg in den Sparstrumpf zurück finden werden.

Aktuell ist es günstiger denn je, an ein Mountainbike der Marken Trek und Specialized zu kommen. 20% Rabatt gibt es zum Beispiel noch bis zum 15. April auf eine Reihe von Specialized-Modellen. So kann man schnell mal beim Kauf seines Traumbikes viele hundert Euro sparen. Profitieren jedoch kann nur, wer jetzt im Aktionszeitraum bestellt. Noch nicht ausgelieferte Altbestellungen fallen „selbstverständlich“ nicht unter diese Rabattaktion. Nach Jahren der fortwährenden Preisanstiege wirft der frühzeitige Sommerschlussverkauf die eine oder andere Frage auf. Soll hier nur ein Zeichen auf dem umkämpften Fahrradmarkt gesetzt werden, oder läuten zwei der großen Player eine Trendwende ein? Noch im Februar stellte Specialized klar, der Rabattaktion von Trek nicht folgen zu wollen. Nun rabattieren sie munter mit und auch Giant lässt in den USA mittlerweile die Preise purzeln.
Ist es eine Aktion aus der Not heraus geboren, weil man glaubt, die Läger bis zum nächsten Modelljahr nicht leeren zu können?

Nach Jahren des unaufhaltsamen Wachstums und der Pedalisierung der Wälder könnte der Markt vielleicht auch schlicht gesättigt sein. Das wäre die einfachste Erklärung. Einfach ist aber zu einfach. Die Ursachenforschung wird jedoch auch hier genauso schwierig sein wie in der Vergangenheit in einem ähnlichen Fall: Als nach Jahren des Booms auf dem Motorradmarkt die Absatzzahlen deutlich einbrachen, haben sich die Verantwortlichen erst viel zu spät Gedanken über das wie und warum gemacht.
Vier Jahre lang hat man versucht uns die anhaltend steigenden Preise auf dem Fahrradmarkt mit dem steigenden Dollarkurs schön zu reden. Hinzu kam, dass bei steigenden Preisen, auch häufig die Ausstattung schlechter wurde.

Als ich mir 2012 ein Cannondale Scalpel Carbon 2 kaufte waren die 3999€ eine gute Investition. Im Vergleich zu heute war der Carbonbolide damals ein echter Schnapper. Die von Peter Denk entwickelte Race-Fully-Wunderwaffe setzte seinerzeit neue Maßstäbe. Und heute? Heute geht das Carbon 2 für schlappe 5199€ über die Ladentheke. Natürlich haben sich die Ausstattung und das Gesamtgewicht des Scalpels veändert. Rechtfertigt aber eine 1×11 Schaltgruppe, leichtere Felgen und ein Mindergewicht von 500gr eine Preissteigerung von 25% in 4 Jahren?
Heute gibt es dafür das Scalpel Carbon 3 für 3999€. Von Glanz der Ausstattung mit der 2×10 Sram X0 Gruppe blieb aber nicht viel übrig. Nun ziert ein 2×10 Mix aus Shimano XT/SLX/Deore den Antrieb. Da wundert es nicht, dass sich der informierte Kunde am Kopf kratzt und staunend auf die Holzsplitter in den Fingern schaut.

Das Preis-Leistung-Gefüge driftet also immer mehr auseinander. Auffällig ist es, wenn der Preis stetig steigt. Unauffälliger, wenn bei gleichem Preis die Ausstattung schlechter wird. Viele große Hersteller gehen auch konsequent dazu über, Ausstattungskomponenten unter eigenem Label selber zu fertigen. Da wird es für den Kunden noch schwieriger, den Überblick zu bewahren.

Mir persönlich fehlt auch das Verständnis dafür, wo der Sinn in einigen der angebotenen Ausstattungsvarianten besteht? Sehr hochwertige und hochpreisige Carbonrahmen, mit sehr günstigen Komponenten auszustatten um den Preis niedrig zu halten, ergibt für mich einfach keinen Sinn. Der Kunde, der einen Carbonrahmen der höchsten Evolutionsstufe fahren möchte, will seinen Rahmen nämlich bestimmt nicht von Einstiegskomponenten zieren lassen.
Der Feldversuch „Preissteigerung bis es weh tut“ hat also nun scheinbar seinen vorläufigen Abschluss gefunden. Ich würde mich sehr über dauerhaft fallende Preise freuen. Der momentane Preisverfall kann andererseits aber auch nur der Versuch sein, die Konkurrenz auszustechen und in die Defensive zu drängen.

Für uns Kunden wäre es kein Vorteil sinkende Preise durch eine Marktbereinigung zu erkaufen. Niemand will, dass am Ende nur einige große Hersteller bestimmen wo die Musik spielt. Die hohen Preise wiederum werden wohl dem Wachstum der letzten Jahre endgültig ein Ende setzen.
Haben es die Hersteller bei der Vermarktung immer neuer Standards verpasst ,die Altkunden zu pflegen und Neukunden zu akquirieren? Menschen für den Bikesport zu begeistern sollte eine wichtige Aufgabe der Hersteller sein, bevor man sie mit der Vielfalt der angebotenen Sportgeräte irritiert.

Wir sind angekommen in der totalen Verwirrung. Ein nichts ahnender ambitionierter Freizeitsportler, der gerade seine Liebe zum Mountainbiken entdeckt, muss sich als erstes den Großen MTB-Almanach kaufen. Denn ohne profunde Kenntnisse über Laufradgrößen, Nabenstandards, Antriebsvarianten und Rahmengeometrien ist eine Auswahl des passenden Sportgeräts kaum noch möglich.

Mit Sicherheit hat diese Mannigfaltigkeit bei den Komponenten-Standards viele Kunden verunsichert. Für den einen oder anderen mag deswegen auch Abwarten die Antwort auf diesen neuen Reichtum sein. Vielen Kunden würde es sicher einfacher fallen, viel Geld in ein neues Bike zu investieren, wenn nicht die Angst da wäre, auf das falsche Pferd zu setzen. Die Frequenz in der die nächste tolle neue Idee den Markt erobern soll, führt bei manchen langsam aber sicher zu Herzkammerflimmern. Deshalb fahren viele doch lieber weiter auf ihrem „alt“bewährten Material und warten die weitere Entwicklung ab.

Diese Vielfalt birgt auch einen weiteren Grund, dass es so nicht weitergehen kann. Durch die große Menge an Möglichkeiten, sich über sein Rad zu individualisieren haben wir eine Modellvielfalt am Markt, die kaum ein kleiner Händler noch auf seinen 200qm bewältigen kann. Da ist es ganz egal ob ein Fatbike oder ein 29+ ein Nischenprodukt ist oder nicht. Gekauft wird es nicht bei Abwesenheit.
Früher war es doch viel einfacher: Eine Laufradgröße, ein Kettenschaltungsstandard, ein Nabenstandard. So schön es für die Nerds unter uns ist, unsere Technikaffinität ausleben zu können, so verwirrend ist dies für Menschen, für die zwei Laufräder sich einfach nur drehen müssen.

Die E-Bike-Revolution ist dann noch das Sahnehäubchen auf dem gemischten Eis. Sinn und Zweck und deren Folgen dürfen gerne weiter für einen Grabenkrieg in diversen Foren genutzt werden. Fakt ist aber, das trotz der neuen Herausforderungen an die Händler dem E-Bike-Kunden einen gut qualifizierten Service anbieten zu können, sich diese Räder hervorragend verkaufen. Die Mobilisierung der Massen auf zwei Rädern findet mit dem E-Bike seine Vollendung. Auch wenn es manchem weh tut, es gibt Händler die ihr Hauptgeschäft mittlerweile über den Verkauf von E-Bikes machen. Das Wachstum auf dem E-Bike Markt geht zu Lasten des konventionellen Fahrrads.

Marktsättigung, Überangebot, Überteuerung, Konkurrenz, der Markt folgt den immer gleichen Gesetzen. Die Frage ist, was das am Ende für uns Kunden bedeuten mag.
Denn eines ist auch klar. Nur wenn Hersteller das nötige Geld verdienen, finden neue Ideen ihren Weg zum Kunden. Diese Investitionen müssen gedeckelt sein. Oder es ist der Versuch, sich aus einer Abwärtsspirale zu befreien. Aber, lässt das Interesse am Mountainbike nach, und verkaufen sich die neuen Produkte nicht so gut wie erhofft, wird es unweigerlich weniger innovative Entwicklungen geben. Und dadurch werden wahrscheinlich auch die Preise wieder in der Realität ankommen.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi