Immer diese Schwierigkeiten mit dem Schwierigkeitsgrad

Ein Zwicken in den Hämorrhoiden verrät ihm: er hat Probleme mit dem Schwierigkeitsgrad. Dabei war alles so einfach. Flow-Trail, da steht es geschrieben schwarz auf weiß, Flow-Trail. Der Sabber sammelt sich in den Mundwinkeln. Bilder von sonnenverwöhnten Hängen mit Mountainbikern als Dekoration, er will dahin. Bloß weg aus dieser grautönigen Winterzeit. 10 Minuten später hat er keine Lust mehr. Wäre er doch besser zu Hause geblieben. Es war ein Fehler in die Kommentare zum Artikel reinzulesen. Dort haut man sich gerade die STS – Singletrailskala um die Ohren.

  • Manche heulen, weil alles viel zu schwer zu fahren ist. Das wird sie aber nicht abhalten dorthin zu fahren und mal eine richtig krasse Linie zu probieren.
  • Die anderen heulen, weil die Einstufungen durch das Gejammere der Erstgenannten verwässert werde.
  • Autoren von Reiseberichten sind so oder so Lügner. Die stufen absichtlich niedriger ein, um mehr Publikum anzulocken.
  • Einige haben sich aufs Maul gelegt, weil da auf einmal eine schwierige Sektion kam. Das wurde  verschwiegen. Das ist doch nicht flowig. Da muss der Trail unbedingt nachgebessert werden.
  • Die nächsten weinen, weil irgendwo genau das passiert ist: es wurde nachgebessert.
  • Einige wenige können nicht lesen oder verstehen, was in der Singletrail-Skala geschrieben steht. Allen zusammen gehört nach einiger Zeit das Aggro-Wasser weggenommen.

Meist fängt das Dilemma mit der Definition eines Singletrails an, denn eine Schwierigkeitsskalen-Gruppierung auf einem Weg anzuwenden, der künstlich für Mountainbiker angelegt wurde, ist nicht im Sinne des Erfinders. Die ursprüngliche Intention war die Bemessung natürlich gewachsener Wege und Pfade. Die Frage der Schwierigkeitsgrade kann Mann oder Frau auch anders beantworten. Was soll den bitte ein S1 Trail sein? Sehen wir uns dafür mal die Definition S1 an:

“Auf einem mit S1 beschriebenen Weg muss man bereits kleinere Hindernisse wie flache Wurzeln und kleine Steine erwarten. Sehr häufig sind vereinzelte Wasserrinnen und Erosionsschäden Grund für den erhöhten Schwierigkeitsgrad, der Untergrund kann teilweise auch nicht verfestigt sein. Das Gefälle beträgt maximal 40% bzw. 22°. Spitzkehren sind nicht zu erwarten. Ab S1 werden fahrtechnische Grundkenntnisse und ständige Aufmerksamkeit benötigt.”

Das oben Beschriebene ist das, womit Mountainbiken anfängt und Trekking aufhört. Wir sprechen hier von einem überall vorhandenen Waldweg unterhalb einer Breite von 2 Metern. Grundlagenkenntnis dafür ist es, dass man in der richtigen Position auf dem Rad sitzen und stehen kann. Da fangen die Probleme auch schon an.

Natürlich hat jeder, der sich ein Mountainbike kauft eine Vorstellung davon, was er damit machen möchte. Es sollte aber zwingend zwischen Wunschdenken und Realität unterschieden werden. Mountainbiken ist anspruchsvoll und gefährlich. Um diesen zwei Attributen ihre Gewichtung zu nehmen, benötigt es einer angemessenen Kleiderordnung, ausreichenden Fahrkenntnissen und der richtigen Einstellung der Komponenten am Rad. Das Fehlen einer dieser Grundvoraussetzungen ist der Gesundheit im Regelfall abträglich.

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Was die Fahrtechnik betrifft, geht dann oft der Macho mit dem Mann durch. Vermessen wie wir Männer halt so sind, handhaben wir die Einschätzung unserer fahrerischen Möglichkeiten genauso wie die Fähigkeit, jedem technischen Gerät ohne Gebrauchsanleitung Herr zu werden. Einfach mal machen, wird schon gutgehen.

Und dann wird in den Alpen die Wundertüte aufgemacht. Plötzlich ist ein S1-Trail ganz anders als zu Hause im heimischen Mittelgebirge. Ja, jede Landschaft hat so ihre Eigenheiten, da kann aber die STS Skalierung nichts für. Und das ein Trail nach 1000hm Anstieg subjektiv anstrengender ist, liegt auch nicht an der Einstufung. Wenn man dann noch die Höhenluft, das Wetter und die Länge der Trails in Betracht zieht, geht doch schon mal eine objektive Betrachtung des Erlebten verloren. Ausbaden muss es dann das arme Internet. Da wird dann um jeden Stein, Wurzel, Stufe und Spitzkehre gestritten, die eine andere Einstufung ermöglichen. Macht natürlich auch mehr her, den beschriebenen S2 Trail ganz objektiv eine Klasse höher anzusetzen. Oder ganz subtil den Trail herabzustufen, um sein Können in glorreiche Höhen heben zu können.

 

Frauen haben dann auch noch mit dem Übel Mann zu kämpfen. Da steht er auf dem Trail, sie auch. Er fährt instinktiv risikobereit, motiviert. Sie denkt, denkt, denkt und entscheidet sich für sicher ist sicher. Das ist häufig der Unterschied. Die folgende permanente Animation des Platzhirsches, es doch endlich zu wagen, wirkt auf Frauen dann auch eher demotivierend. Frauen sind meist intuitiv progressiver unterwegs als ihr aggressiveres Gegenstück. Damit ist von vorne herein schon mal Konfliktpotenzial vorhanden, auch ohne Schwierigkeitsgrad.

Dabei ist es doch ganz einfach, sich dem Thema STS- Einteilungen zu nähern. In den meisten technischen Sportarten ist es von Nöten, gewisse Grundlagenkenntnisse zu erlangen, um Herr und Meister über das Sportgerät zu sein. Viel zu wenige Mountainbiker gelangen zu dieser Einsicht. Sonst würden mehr Trailliebhaber die Angebote von Fahrtechniklehrern in Anspruch nehmen, statt sich im einen Streit um eine S1-Schwierigkeit zu verlieren. Denn eins ist spätestens nach zwei Fahrtechnikkursen sicher: Vorausgesetzt, man setzt die erlernten Kenntnisse konsequent um, kann man guten Gewissens auf die Trails Europas bis zur Schwierigkeit S3 entlassen werden.

Oder liegt das Übel in der Idee zur Singletrailskala? War das früher nicht schön, da konnten der Ritter Rost, Don Quichote und Baron Münchhausen ihre Trailerlebnisse in den blumigsten Ausführung einem staunenden Publikum kundtun. Alles aus und vorbei, seitdem sich der vermeintliche Hardcore-Trail als harmloser S2-Trail entpuppt. Jungs, was habt ihr nur getan? Ihr zerstört Geschichten über Mut, Schweiß und Blut, erlebt auf dem perfekten Trail hinter dem Regenbogen der Sehnsüchte!

Think Pink – Eure Muschi