Transpyr – Etappenrennen mal anders

Ein Küste-zu-Küste Race-Abenteuer in Spanien, das verspricht das Transpyr Etappenrennen zu sein und – noch viel mehr. Wer sich schon häufiger die Frage gestellt hat, warum er an den schönsten Flecken Etappenrennen fährt, jedoch vor lauter Race die Landschaft um sich herum gar nicht mehr wahrnimmt, der ist hier in den Pyrenäen richtig aufgehoben. Es ist ein Etappenrennen, in dem nur festgelegte Abschnitte in die Wertung einfließen, ähnlich den Stages während eines Endurorennens. Dies ist ein ganz neuer Ansatz, das Erlebnis Mountainbike-Etappenrennen noch erlebnisreicher zu machen. Wer nun denkt, das kann kein richtiges Rennen sein, der darf sich nun eines besseren belehren lassen: Frank und Moni Eggert, vielen bekannt durch den Radblog und unzähligen 24h-Rennen, lassen uns heute an ihrem Rennerlebnis Transpyr teilhaben.

Der Postbote klingelt und überreicht mir wie so oft in den letzten Wochen einen Briefumschlag aus Frankreich. Die Frage, was der Umschlag beinhaltet, stellt sich erst gar nicht. Interessant ist nur, wieviel zu schnell und von wo genau das Knöllchen ist und diesmal rufe ich freudig zu Moni: „Das war`s. Wir sind durch. Das Knöllchen war vom letzten Autobahnabschnitt der Rückfahrt!“ Leider haben wir auf dem Hin- wie auch Rückweg nach Spanien Frankreich durchquert. Auf den schönen leeren Autobahnen mit dem Wegelagerer Mautstelle haben wir (Moni: „WIR???“) unseren Tempomat konstant knappe 5 km/h höher eingestellt, als eigentlich erlaubt und nun bekommen wir knapp 8 Wochen nach unserem Radabenteuer regelmäßig Briefe aus Frankreich. 1-2 km/h zu schnell macht pauschal jeweils 45,- €. Jedenfalls waren die wenigen Sekunden „Zeitgewinn“ im Nachhinein sehr teuer und mehr als unnötig.

Doch Frankreich war wunderschön, zu schön um einfach nur durchzurauschen. Wir verlassen die Autobahn, landen auf einem kleinen Campingplatz an der Ardeche und sitzen am nächsten Tag in einem Kanu auf ebenjener. Die Durchfahrt durch den Pont du Arc ist schon was Besonderes und kann man jedem empfehlen.

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Wildwasser Ardeche
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Idyll
So schön die Landschaft ist, wir müssen weiter Richtung Roses. In Roses angekommen springen wir auf die Räder, fahren kurz ans Mittelmeer und entdecken am Horizont eine Kirche an der Bergflanke. Magisch zieht uns dieser Anblick an und wir finden uns wieder auf einem kleinen Kletterpfad. Egal, Räder schieben und tragen kennen wir ja. An der Ermitage de Sant Onofre genießen wir die Aussicht bevor es über den Col de la Verderra zum Kloster Sant Pere de Rodes geht. Wir haben nun einen Vorgeschmack bekommen, was die nächsten Tage auf uns an Strecke warten könnte.

muschivomvenn_transpyr_FahrerbesprechungFahrerbesprechung zur Transpyr
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Der Wasserträger …
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… und sein Wasser. Transport vom Mittelmeer zum Atlantik.

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Start zum Abenteuer Transpyr

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Heiß und staubig

Zeitsprung…

Knapp 240 von ca. 780 Kilometern haben wir schon, die Gruppen formieren sich jeden Morgen aufs Neue und doch findet man immer wieder die gleichen Fahrer um sich herum. So auch diesen 3. Morgen im Etappenrennen Transpyr. Aktuell düsen wir in einer etwa 20-köpfigen Gruppe durch eine etwas öde, fast savannenartige Landschaft, die wir durch den Staub, die Hitze und Konzentration auf den Untergrund kaum wahrnehmen. Plötzlich piept mein Garmin nervös auf, ein schneller Blick und „Mist!“. Ich brülle nach vorne in die Gruppe „Wrong way“ und sofort gehen alle in die Eisen.

Die Zusatzherausforderung dieses Rennens, wir müssen uns anhand eines GPS-Tracks selbst durch die Landschaft navigieren, Streckenmarkierungen gibt es keine. Schnell ist der Einstieg in einen hammerharten Trail, der uns nun bergauf führt, gefunden. Das Tempo wird Moni und mir fast zu schnell, als vorne Bruno, der seit knapp 20 Minuten im Wind einsam das Tempo bestimmt, ruft „Flat – flat tire“. Sofort bleiben alle Fahrer stehen und viele Automatismen setzen sich in Gang. 4 Schläuche fliegen Bruno entgegen, 3 Luftpumpen sind kampfbereit. Kaum ist der Mantel abgezogen, wird er von einem anderen Fahrer nach Dornen kontrolliert.

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Hoch oben in den Bergen
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Wer sagte steil ist geil?

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Trailspaß
Nach rechts und links Ausweichen ist hier im von Kakteen und Dornenbusch gesäumten Trail nicht möglich und weitere Fahrer fahren von hinten auf und die Magie der Transpyr nimmt ihren Lauf. Kein einziger Fahrer drängelt, ganz im Gegenteil, in verschiedensten Sprachen werden Witze gerissen, die Rucksäcke geplündert und die Sonnenbrillen geputzt. Das Geheimnis dieser unbekannten Lockerheit bei einem Etappenrennen sind Zeitsektionen während der langen Tagesetappen. Und außerhalb dieser Zeitsegmente sind wir eine gigantisch große Radfamilie, die keinen einzigen Fahrer bei diesem Radabenteuer auch nur für eine Sekunde als Konkurrenten erscheinen lässt.

„Anfänglich hatte ich meine Zweifel an diesem Format, aber bei jeder Verpflegungsstation, die ich im Fluss liegend, genüsslich am Kauen leckerer spanischer Köstlichkeiten und einem Kaltgetränk in der Hand verbrachte, verliebte ich mich und auch alle anderen Fahrer, immer mehr in diese Art von Etappenrennen.“ Frank

Doch bei all diesem Genuss zwischen den Zeitsektionen, die Uhr tickte jeden Tag unermüdlich weiter und die Time-Outs bei Etappen jenseits der 100 Kilometer und mindestens 2.000 Höhenmeter und Standard-Temperaturen um die 30 Grad waren für viele echte Herausforderungen. In einem sehr heißen Tal zeigten unsere Garmins während der Fahrt unglaubliche 50,9 Grad. Die Sonne war auf dem Weg zum Atlantik fieser als J.R. Ewing aus der Kult-Fernseh-Serie Dallas. Hatte man den Mund während des Fahrens zu lange geöffnet, trocknete die Mundhöhle sehr schnell dermaßen aus, dass man sich nicht weiter unterhalten konnte und nur der Griff zur Trinkflasche einem wieder die Kommunikation ermöglichte.

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Wasser, Inbegriff des Lebens

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Trailsurfen

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Akku platt
Doch was ist überhaupt diese Transpyr genau? Die Transpyr führt die Velohelden in 7 Etappen vom Mittelmeer in Roses quer durch und über die Pyrenäen an den Atlantik nach Hondarribia. Dabei bietet sie für 2er-Teams den Wettkampf-Modus und für Solo-Fahrer oder größere Teams den Rahmen für ein schönes Mountainbike-Abenteuer. Wer möchte, kann die große Karawane aber auch mit dem Rennrad begleiten, dies nennt sich dann Transpyr-Backroad. Wir haben uns für den 2er-Mixed-Wettbewerb entschieden und dabei übernahm ich den Navigator und Moni den Wasserträger-Job.

Allerdings geht es hier nicht um den klassischen Wasserpullenfahrer, sondern wir alle haben nach der genialen Akkreditierung und Pasta-Party in der alten Festung Ciutadella de Roses ein kleines Fläschlein mit Mittelmeerwasser befüllt. Und der Sage nach, hat man ein Leben lang Glück, wenn man das Mittelmeerwasser über die Pyrenäen schleppt und mit Atlantikwasser mischt. Und da ich meine Trikottaschen für Futter brauchte, musste Moni meine Flasche und damit die Verantwortung für mein zukünftiges Glück tragen.

Wer sich für den Wettkampfmodus entscheidet, muss aber nicht die ca. 780 Kilometer durch die Pyrenäen hetzen. Denn die Tagesetappen sind wie bei einem Endurorennen in Sektionen unterteilt. So startet man jeden Morgen zu einer großen Radtour ohne Gedrängel um den besten Startplatz. Meistens waren die Zeitsektionen, die zur Wertung beitrugen so angelegt, dass man an besonders schönen Aussichtspunkten oder genialen Trails ohne Zeitdruck dem Mountainbikesport fröhnen konnte. Ein weiterer Vorteil dieser Art von Etappenrennen: man kann unterwegs an den Cafes oder Bars anhalten und sich einfach entspannen. Auch die Verpflegungspunkte wurden örtlich so gelegt, dass einer ausgiebigen Siesta mit Bad in einem Fluss nichts im Wege stand.
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Neben viel Obst, Keksen und Reis mit Tomatensoße gab es hin und wieder absolute Köstlichkeiten an den Stationen. So durfte man einer Frau dabei zuschauen, wie sie in ihrer riesigen Pfanne für die Fahrer eine Art Haferbrei mit Zimt anrührte, während nebenan ein Mann „Escalivada“, in der Glut von Holz gegrilltes Gemüse, welches mit viel Olivenöl und reichlich grobkörnigem Salz zum Reis gereicht wurde, zubereitete.

Zu meinem Leidwesen gab es auch sehr oft „Tropico“ von einem bekannten deutschen Süßwarenhersteller als Snack to go. Und ohne zu überlegen stopfte ich mir mehrere Hände voll von dem Süßzeug in meine Trikotasche. Welches sich wenig später, dank der klirrenden Hitze, in eine Art flüssigen Klebstoff, verbunden mit meinem Handy und allem anderen was sich so in meiner Trikotasche befand, verwandelte – und ich es wieder herauspulen durfte. Doch solch kleine Missgeschicke waren schnell vergessen bei der sich ständig wechselnden schönen Landschaft. Mit fast jeder Passquerung kam man in ein anderes Mikroklima. Mal üppig grün und schon fast einem Urwald gleichend, mal absolut karg ohne auch nur den Hauch von augenscheinlichem Leben. Aber eines hatten alle Eindrücke gemeinsam, sie waren atemberaubend mit dem allgegenwärtigen gigantischen Bergmassiv als Bühne für dieses Event, Transpyr.

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Unvergessen für die meisten Fahrer wird wohl der letzte lange Trail bleiben. Er führte uns entlang einer Bergflanke immer bergan, bis man ganz oben angekommen das erste Mal den Atlantik in der Ferne erblickte. Doch gleichzeitig tauchte unter uns ein zweites Meer auf: ein Wolkenmeer gefangen in den Picos de Europe. Durch dieses Wolkenmeer hindurch führte ein von Farn gesäumter Trampelpfad, bevor man erstmals den Duft des Meeres in der Nase wahrnahm. Die letzten Kilometer fuhr man mit einem selbstgefälligen Grinsen – und das Gefühl bei der Querung des Zielbogens im Hafen von Hondarriba, unbeschreiblich.

Und dank des „Renn“-Formats und der perfekten Organisation war das 400-köpfige Fahrerfeld auch ein absolut bunter Haufen vom Rad-Abenteurer bis zum Vollblutracer aus der ganzen Welt. Alleine das Podium in der 2er Mixed Kategorie ein Indiz dafür. So war das Team auf Platz 1 aus Cuba und Spanien, Platz 2 aus den USA, Platz 3 aus Deutschland und Platz 4 aus der Schweiz. Und das Verrückteste: der Cheforganisator Oriol konnte alle 22 Nationalitäten im Feld in ihrer Landessprache im Ziel begrüßen.

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Entspannung

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Akkordeon und …

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… ein schwer verdientes Podium
Eigentlich hätten wir nun noch viele Tage Urlaub am Meer gemacht. Doch die vielen offenen verdreckten Wunden am Rücken und den Beinen von meinem Sturz waren nun ein echtes Problem bei der Hitze. Denn das Meerwasser brannte genauso unausstehlich wie das Chlorwasser am Campingplatzpool, schlichtweg gab es für mich keine andere Möglichkeit zur Abkühlung wie die Dusche. Somit beschlossen wir das Meer zu verlassen und wieder zurück an die Ardeche zu fahren, um unsere Kanutour noch einmal zu bewältigen, diesmal aber ohne Kanu.

Dazu kauften wir uns billige Schwimmflossen, ein kleines „Wellenbord“ zum Transport der benötigten Nahrung und Trinken und sprangen in den Fluss. 12 Kilometer später, den Kopf voller neuer Eindrücke und Erfahrungen, waren unsere Beine absolut leer, die Hände verschrumpelt und wir mega-glücklich. Und ganz nebenbei waren alle meine Wunden ohne Schmerzen von der Dreck/Blut/Wundkruste befreit. Einzig die in der Nacht auftretenden Krämpfe, welche wohl von den sonst ungenutzten Muskeln vom langen Schwimmen herrührten, war das Schwimmabenteuer ein perfekter Abschluss für diesen Urlaubstrip.

muschivomvenn_er hat alles gegeben

am Ende nochmal alles gegeben

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In diesem Sinne, Think Pink – Frank, Moni und Muschi