Ergebnis mit Erlebnis ist möglich

Erlebnis vor Ergebnis: der Spruch, der gerne mal auf die Klotür gekritzelt wird, steht in jeder Linie für ein entspanntes Miteinander im Fahrerfeld. Natürlich werden jetzt einige aufstöhnen, weil sie ergebnisorientierte Rennfahrer sind. Männer und Frauen in hübschen Lycrastamplern wie ich, mit rasierten und geölten Waden, einer Sonnenbrille mit Ausdruck im Gesicht und einer durchgeplanten Rennstrategie. Andererseits singen Hobbyfahrer ein Hosianna, weil sie hoffen, nie mehr Geschichten von rüpelnden und aggressiven Adrenalinverklumpungen auf der Rennstrecke zu hören.

Radfahrer unabhängig von Motivation und Leistungsstand gebrauchen reihenweise Marathon- und 24h-Rennen entweder zur Leistungsabfrage, die im besten Fall auf dem Podium endet, oder als geführte Touristik-Tour. Ärger ist somit häufig vorprogrammiert. Ein Rennrüpel wird nicht als solcher geboren, er versteht nur die Motivation des anderen nicht, der die Möglichkeit nutzt, mal aus dem Brei der breiten Masse herauszustechen, indem er mal Wettkampfluft schnuppert. Dass er dann auch mal als schlechteste Karte im Minderheiten-Quartett in der Ideallinie herumeiert, ist unvermeidlich.

Muschivomvenn_RAR
RaR 2015, das PST-Racing Team mit einer ganz individuell zu geschnittenen Motivationshilfe.

2016 – Startschuss, die Meute geht ins Rennen. Ein 16-Stunden-Rennen gewinnt man nicht in der ersten Runde, hallt es in meinem Kopf. Trotzdem brauche ich die Hinterräder der direkten Konkurrenz in meinem Fokus. Ein Antritt, ich touchiere den Lenker von Sabine Fischer. Sie raunzt mich böse an, ich hetze mit einem „Sorry Schatz“ weiter, den verpassten Hinterrädern hinterher. Ich bin Racer, ich fahre ergebnisorientiert, ich habe auch mal ein Messer zwischen den Zähnen. Zum Glück, dann rüpelt es sich verbal schlechter.

2015 – Duisburg, die S-Kurve zum AC/DC Berg morgens um 9 Uhr, ich finde meine Fatbikereifen scheiße. Ich kämpfe um eine Platzierung im Reigen der Topfahrer der Masterwertung. Wir alle fahren auf Notbetrieb. Bei mir blinkt schon seit längerem eine Störmeldung betreffend der sich auflösenden Großhirnrinde. Da kommt er, der motivierte 4er-Teamfahrer im Kampf um den hundertzweiunddreißigsten Platz und will mich von der Ideallinie beißen. Ich reagiere nicht. Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, fährt er mir ins vier Zoll dicke Hinterrad. Beim Überholen schenkt er mir noch ein Bodycheck. Danke schön, du Hodenholger.

Muschivomvenn_Frank_Anheizer

Duisburg 24, Motivationsguru Frank Eggert

Bei dem Wort Spaßfahrer schüttelt sich so mancher Lizenzfahrer. Er will die Bilder wieder aus seinem Kopf haben. Da steht das Grisu-Ganzkörper-Kondom mit seinem Baumarkt-Rad, der 24 Zöller im Kommunionsanzug oder die Pimmelprinzessin versteckt in einer Downhillmontur in der ersten Startreihe, manchen reicht es, die ganze Aufmerksamkeit über ihr Outfit auf sich zu lenken. Es sei uns allen gegönnt, Spaß zu haben. Die Spinner und Exoten beleben einen Sport. Jedoch verzieht der ambitionierte Rennfahrer zu Recht das Gesicht, wenn Grisu der Drache im ersten Startblock steht und einen Rennunfall beim Start verursacht. Kommt in solch einer Situation auch noch ein „Alder, ist doch alles nur Spaß hier“ als Entschuldigung für ein versautes Rennen und einem defekten Rennhobel dem Vollhonk über die Lippen, kann ich es niemanden verübeln, die Contenance zu verlieren.

2015 – Vulkanbike-Marathon in Daun. Ich stehe zwar vorne an der Startlinie aber das ist kein Indikator dafür, wo ich am Ende landen werde. Ich fahre auf 4 Zoll breiten Reifen mal so „Just for Fun“. Mal schauen wo ich landen werde im Potpourri der Laktatverschwender. Ich werde mein Bestes geben, aber hier steht mehr der spaßige Showlauf zu meinem aktuellen Dauertest im Vordergrund.

Muschivomvenn_Sattelstütze
Vulkanbikemarathon 2015, es gibt keine verkorksten Rennen.

2016 – Marathon am Rursee und ein Trail, der seinen Namen verdient. Irgendwelche vor mir gestarteten Gelegenheitsfahrer der Mitteldistanz nutzen die einzige technische Trailpassage aus, um sich die Füße zu vertreten. Hinter mir tobt der Positionskampf um eine Top 30 Platzierung. Alle Zurufe, den Weg frei zu geben, werden mit einem Lächeln und der Aufforderung, mich zu entspannen, quittiert. Entspannt wird im Ziel, hier wird gerade um das Podest in der Altersklassenwertung gefahren.

2017 Bike Transalp. Endlos lange Trails, endlich eine Etappe, wo es über tausend Höhenmeter mal so richtig zur Sache geht. Na ja, eigentlich sollte das, was die Rennleitung uns da vor die Füße geworfen hat, für jeden Marathonfahrer mit Hang zum Mountainbiken fahrbar sein. Jedoch weit gefehlt. Darüber könnte man jetzt mit dem Kopf schütteln. Dafür hat man aber eigentlich keine Zeit, dafür ist der ausgesetzte Karrenweg einfach zu schön. Scharen von Rennradfahrern in Wanderstiefeln versperren den Weg und sehen auch gar keine Not darin, den Weg frei zu machen. Ihr Unverständnis zur Fahrtechnik wird auch den Fahrern übergestülpt, die wissen wie man ein Mountainbike im Wurzeltrail bewegt. Anderen das Erlebnis absichtlich zu versauen ist mehr als ärgerlich.

Muschivomvenn_Tulpen aus Amsterdam
Bike Transalp 2016. Wo diese Herren herkommen, steht außer Frage.

Ich könnte jetzt ewig weiter über rüpelnde, lizensierte und nicht lizensierte Rennfahrer schreiben, aber auch über uneinsichtige und arrogante Hobbyfahrer, die ein Rennen als geführte Touristik-Ausfahrt oder Schlimmeres missbrauchen. Nach dem Startschuss wird einfach zu häufig das falsche Betriebsprogramm eingeschaltet und die Toleranz der anderen Motivation gegenüber ausgeschaltet. Ich würde lügen mit der Behauptung, nicht schon das ein oder andere Mal den Anstand und die Höflichkeit auf der Rennstrecke verloren zu haben. Natürlich habe ich auch schon mal aus Selbstüberschätzung und Größenwahn in Folge von Hormonübersäuerung Menschen über die Strecke angebrüllt, ihren Schrotthaufen von der Strecke zu bewegen. Das ist nicht nett und rührt aus einer Zeit, als noch zu viel Berggorilla in mir steckte.

Der Mensch hat die Gabe in die Wiege gelegt bekommen, sich weiter zu entwickeln. Man muss dieses Geschenk nur auspacken und gebrauchen. Reflexion ist auch ein bewährtes Mittel, um sich später im Zielbereich mal die Hand zur Versöhnung zu reichen. Zu wenige Menschen nutzen ihre Möglichkeiten, dabei tut es gar nicht weh. Fähigkeiten wie Verständnis und Toleranz gehören zum gesellschaftlichen Allgemeingut, auch bei Ausübung einer Sportart. Auch mal versuchen, sich in die Lage des anderen zu versetzen, hilft ungemein. Das wichtigste Argument gegen die Hauptrolle des Körperkontaktfahrers ist es, dass am Ende jeder das Recht hat, mit einem schönen Gefühl nach Hause zu fahren. Der Anspruch auf einen gelungenen Tag sollte nicht in Frage gestellt werden. Benimm-Verstöße der gröberen Sorte und Verbalattacken, die Herbert Wehner die Schamesröte ins Gesicht steigen ließen, tragen in keiner Weise zu einem schönen Erlebnis bei.

Gerade darum ist der Spruch „Erlebnis vor Ergebnis“ differenzierter zu betrachten, als er auf den ersten Blick erscheint. „Ergebnis mit Erlebnis“ ist sehr wohl möglich, erfordert nur ein wenig mehr Arbeit am eigenen Verhalten. Häufig steht dem in letzter Konsequenz die gelebte Erlebnis/Ergebnis-Orientierung im Wege. Meist ist noch nicht mal sicher, ob die gelebte Rüpel-Attacke in irgendeiner Art und Weise zu einem besseren Ergebnis führt. Zu einem Erlebnis führt sie jedenfalls nicht.

Muschivomvenn_Bierhalter
Proooooost

Was dem einen in seinem adrenalin- und testosterongeschwängerten Wahn nach einer Platzierung als normales Verhalten abgeht, erscheint dem anderen als unverhältnismäßig, unverschämt bis fahrlässig, ja sogar unfallgefährdend. Insbesondere bei 24h-Rennen ist dies auch für das blinde Einauge unübersehbar. Unser Sport lebt von der Artenvielfalt. Rennen jedweder Ausrichtung werden durch die breite Masse der Hobbyfahrer getragen. Renommierte Rennen wie zum Beispiel die „BIKE Transalp“ kommen heute nicht mehr ohne die erlebnisorientierte breite Masse aus. Alle, die in einem Rennen unterwegs sind, müssen wissen, dass Rennveranstaltungen nur in einer Symbiose beider Gruppen eine Zukunft haben. Diese fußt darauf, ein Verständnis für den anderen zu entwickeln.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi