Nackt unter Pedaleuren

Mit Freuden darf ich wieder einmal von mir ablenken und Euch eine Geschichte, die das Leben schrieb, von jemand Anderen erzählen lassen. Wie schon in den Jahren zuvor hat uns Ulrich Rose, ehemaliger Fahrer und Teamleiter des Teams Focus Rapiro Racing, wieder eine Geschichte geschrieben. Nach „Mythos Fahrerfrau“ und „Stuhlkreis der Sprücheklopfer“ folgt nun mit „Nackt unter Pedaleuren“ ein weiteres Mal eine Anekdote aus dem Leben eines Marathon-Rennfahrers. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

„Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single auf Parship!“, so wird gemunkelt. Lauwarm läuft mir die Vorfreude am Innenschenkel runter, ich kann es kaum erwarten, den Menschen fürs Leben kennenzulernen. In der Schlange wartend auf Einlass in die Ruhmeshallen der Reinlichkeit, denke ich zurück an all meine längst vergangenen Momente in den Kacheltempeln der Republik. In Sundern besuchte ich einst ein Duschzelt der Feuerwehr. Braunes Wasser durchsetzt mit ebenso braunen Klümpchen umspülten mich sanft. Einzig die spärlich bekleideten Mädels unter dem Sprühnebel des Duschköpfchens hinderten mich daran, vorzeitig die Flucht zu ergreifen.

Es war in Emmelshausen: Wie ein sanfter Regen im tropischen Regenwald, prasselte das Wasser im Hans Grohe Duschtruck auf mich nieder. Der LKW und ich, wir wurden eins. Umzingelt von Bauzäunen mit Planen, als Sichtschutz vor neugierigen Blicken, entblößte ich meinen Radsportleib auf dem Festplatz in Seiffen. Beim Blick nach oben wässerten Regentropfen mein Haupt. Die zierliche Wasserleitung spuckte dagegen nur wenig Brauchbares aus. Meine Sachen waren nass. Mir war kalt. Wir hatten Hochsommer!

Doch nun betrete ich ein für mich neues Stück Fliesenboden. Hunderte von Radsportlern pilgerten schon zu diesem Ort, um ihren Dreck hier abzuladen. Doch jetzt komme ich! Zögerlichen Schrittes betrete ich die Herren-Umkleide, meine persönlichen 11 Parship Minuten starten jetzt. Mein Blick fällt auf den feinen Boden. Ein Mosaik des Waldes zu meinen Füßen. Leere Gelpackungen ergänzt durch Applikationen kleiner Duschgel Probepackungen sorgen für Farbtupfer. An Fernsicht ist nicht zu denken, doch meine Nase arbeitet mit. Eine Brise Klostein, multiple Schweißaromen, ein Hauch Old Spice und zum Abschluss eine kräftige Note Pups. So soll es sein. Im Fachjargon kursiert dieses Monstrum der Geruchsbelästigung unter „Männerduft“!

Orientierungslos schweife ich umher, auf der Suche nach einem Platz zur kurzen Rast und Körperreinigung. Als der Nebel sich für einen Moment lichtet, erspähe ich 30 cm² mit Kleiderhaken. Mit der schwungvollen Niederlegung meines Handtuchs okkupiere ich diesen Platz auf dem Sepp Herrberger Traditionsbänkchen, wie ein Pauschaltourist beim Wettstreit um die beste Sonnenliege. Als sich die erste Aufregung gelegt hat, begutachte ich meine Umwelt. Der nette Herr gegenüber steht schwankend auf der Bank. Ich möchte ihm zurufen „Spring nicht!“, doch es hilft alles nichts, er will sich nur sein Beinkleid trockenen Fußes überstülpen. Die ersten zwei Minuten meiner Parship Prüfung liegen bereits hinter mir, doch verliebt bin ich noch nicht.

Langsam schäle ich mir die Klamotten vom Leib. Der überwiegende Teil der Protagonisten schaut generell nach unten, auf die persönlichen Gegenstände oder an die Decke. Hauptsache weggucken. Die Voyeure unter den Anwesenden mustern, kategorisieren und bewerten meinen Körper. Hallo? Ich bin mehr als nur Bauch, Beine, Po, ich habe auch ein Gesicht! Verletzt von so viel Oberflächlichkeit begebe ich mich nun in den Duschbereich. Meine Adiletten verbringen ihren Tag heute zu Hause. So genieße ich das gefühlsechte Erlebnis auf dem Barfußpfad der Männerumkleide. Vorbei an den Kerlen vom Brokeback Mountain, die mit kurzer Hose Schießgewehr leidenschaftlich ihre Eroberungszüge im Fichtenbestand vom Vormittag auswerten.

Links liegen lasse ich das arme Würstchen, dass sein Lager am Mülleimer aufgeschlagen hat. Der ganz Korrekte, der sich die Zeit für eine Rasur nimmt und sich im Anschluss noch die Haare aus den wohlgeformten Männerbrüsten zupft, interessiert mich so sehr, wie der oft gepriesene Sack Reis in China, wenn er umfällt. Rein ins fröhliche Nass! So euphorisch, wie ich mein Handtuch an die Türklinke hänge, so missmutig bin ich, als es in Windeseile in den Fluten versinkt. Abtrocknen wird überschätzt, also erst mal anfeuchten. Vier Minuten und neunundzwanzig Sekunden hoffe ich nun schon auf die Parship Götter, doch verliebt bin ich noch immer nicht.

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„Das Springen vom Beckenrand ist strengstens untersagt“ suggeriert mir ein Warnschild. So versuche ich über das Wasser zu gehen. Mit einem beherzten Tritt auf ein Stück Seife nimmt der Tag richtig Schwung auf. Mit geprelltem Steiß mäandern meine Wünsche und Gedanken Richtung Rot Kreuz Zelt, in die Arme der fülligen Mullbinden-Beauftragten, die mir ein ahnungsloses Schulterzucken schenkt, nachdem sie sich ein Stück Kuchen aus dem Mundwinkel gekratzt hat. Kaum sind die Tränen getrocknet, spült mich der Duschkopf mit kaltem Wasser aus einer Wellnessvorstellung zurück in die bibbernde Realität. Zaghaft benetze ich meinen Körper mit dem kalten Wasserstrahl. Tänzelnd reinige ich mich von den Strapazen des Tages.

Aufgrund der mangelnden Abstellmöglichkeiten für Seife und Zubehör, bin ich gezwungen mein Duschbad in der Hand zu halten. Doch da passiert es: Mein Duschgel flutscht mir flink durch die Finger, direkt ins Brackwasser. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Was soll ich tun? Einfach mal bücken? Nein, ich trau‘ mich doch nicht! Noch bevor ich mich mit meinem Hintern zur Wand drehe und mich langsam nach unten beuge, stürzt ein Mann herein. Der arme Kerl, komplett in Zweiradtracht gekleidet, stellt sich umgehend unter den Hahn, der ihm die Welt bedeutet. Helm und Schuhe behält er gleich an. Wie viel Leid muss er ertragen haben, um sich so besinnungslos den Schmutz aus den Kleidern zu spülen? Der Bodeneinlauf blubbert seinen verschlammten Kummer runter. Unterdessen schlage ich mich ans rettende Ufer durch. Noch 3 Minuten und 43 Sekunden bis sich das 11 Minuten Zeitfenster schließt, doch verliebt bin ich noch immer nicht.

Mein Rückweg führt mich vorbei an dem Kerl, der am Mülleimer den Kleiderwechsel vollzieht. Entlang des Barfußpfads steht mir ein Mann im Mantel im Weg. Langsam quetsche ich mich an ihm vorbei. Wie weich dieser Mantel sich anfühlt, denke ich so bei mir. Ups, ist gar kein Mantel, sondern seine Körperbehaarung. An meinem Platz angekommen ist der Inhalt meiner Tasche eine Symbiose mit dem Stillleben meiner Radklamotten am Boden eingegangen. Der nette Herr zu meiner linken macht auf ahnungslos. Er kratzt sich unschuldig am Hintern, als ich ihm einen bösen Blick zuwerfe. Zum Abtrocknen taugt mein Handtuch nicht mehr. Dank den architektonischen Qualitäten dieser Duschruine nutze ich den kalten Wind, der unter dem Fenster hindurch bläst, zum Trockenpusten meines Astralkörpers. Ein Mann mit traurigem Gesicht betritt die Szenerie. Er schiebt sein Bündel auf die Fragmente einer Fensterbank. Trotz eines üppigen Platzangebots wollte man ihm den Zutritt in die Damenumkleide nicht gewähren. Willkommen in unserer Mitte, es sollte wohl nicht sein mit: „Alles kann, nichts muss“, aber hier ist es ja auch ganz nett.

Ein ständiges Kommen und Gehen im Rudel der Wochenendteutonen. Plötzlich kehrt Ruhe ein. Der Bezwinger, der Eroberer oder einfach der halb verhungerte Schlumpf, der die Langstrecke siegreich niedergerungen hat, betritt den Wash & Go Trampelpfad. Eine Aura des unbesiegbaren umschmeichelt ihn. „Wie hat er das gemacht?“, „Toll“, „Was für ein Angeber.“ tuscheln sie. Und dann zieht er sich aus. Es macht „Plopp“. Die Blase des kugelsicheren Recken, die ihn umgeben hat, zerberstet im Männerduft. Ganz nüchtern betrachtet zwei dünne Arme, wenige Haare, dafür komische braune Streifen an den Oberschenkeln zieren sein Antlitz. Nackig sehen wir doch fast alle gleich aus!

Meine 11 Minuten in der Parship Kuppelbude sind um. Mit letzter Kraft reiße ich die Tür in die Freiheit auf. Ein Versuch bleibt mir anscheinend noch. Da steht sie, die Toto und Harry Tretschweinformation mit Redebedarf. Braun gesprenkelt vom Kopf bis zur Kimme schauen sie mich an, wie eine Kuh beim Kalben. Auf ihren Flirtversuch mit „Ey, hör‘ ma …“ ergreife ich die Flucht. Auch kein Perfect Match à la Parship.

Im Flur stelle ich meine Tasche ab. Einbeinig mit der Schulter an der Wand lehnend, ziehe ich mir noch Socken und Schuhe an. Gezeichnet fürs Leben verlasse ich diesen Ort. Ich komme wieder, wenn es erneut heißt: „Lieber mit Freunden im Wald, als mit Fremden im Dark Room!“ Oh Entschuldigung, nicht Dark Room, wir sprechen hier vom „Parship Wasserparadies“.

Beste Grüße vom Rosenkavalier