Wir geben der Krise ein Gesicht

Die Radfahrer spinnen, wenn man der Auto BILD Glauben schenken darf. Militante und renitente Rowdys sind wir. Wir gefährden den gesellschaftlichen Frieden auf deutschen Straßen. Jetzt, wo Radfahren als das vegane Autofahren immer populärer wird und das Auto als Statussymbol ausgedient hat, gilt es Front zu machen gegen den Territorialverlust. Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen.

Der Chefredakteur Tom Drechsler und der federführende Redakteur Hauke Schrieber nehmen die Erfolgsstory des Fahrrads als alternatives urbanes Fortbewegungsmittel der Zukunft zum Anlass, mit einem einseitig verfassten Text massiv Front gegen jeden zu machen, der auf zwei Rädern unterwegs ist. Anscheinend ist die E-Bike Revolution schon soweit in urbanen Ballungsräumen vorangeschritten, dass die Autolobby zum finalen Gegenschlag ausholen muss. Eigentlich hätte man die Gelegenheit nutzen können, sich produktiv mit dem Thema „Krieg auf deutschen Straßen“ auseinanderzusetzen. Stattdessen wird in der üblichen Manier der BILD-Familie in einem Frontbericht über die unerträgliche Situation in deutschen Städten eskaliert.
Quelle: Autobild/Ausgabe Nr. 40/2017

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#1 Quelle: Autobild/Ausgabe Nr. 40/2017

„Die Radfahrer spinnen“ titelt die Auto BILD und stellt noch auf der Titelseite die Frage „Sind Radfahrer wichtiger als wir Autofahrer“? Damit hat sich eigentlich schon der weitere Genuss des folgenden Ergusses, in dem sich dazu noch promovierte Zeitgenossen zum Thema auslassen dürfen, erledigt: Denn der Mensch sollte im Zentrum des Miteinanders stehen, egal ob Radfahrer, Autofahrer oder Fußgänger! Das aber könnte vielleicht zu philosophisch für viele der von Auto BILD angesprochenen Leser sein. Stattdessen wird in einem weiterführenden Text auch noch der Fußgänger mit ins Auto geholt. Hundeliebhaber Andreas May lässt sich dort über Radfahrer und Hundehaufen in Hamburg aus, um an Ende dem dortigen Bürgermeister Olaf Scholz noch einen mitzugeben. Eigentlich fehlt jetzt nur noch der Artikel „Duftbäumchen pflanzen gegen den Klimawandel“ und die Auto BILD-Ausgabe wäre perfekt.

„Vielen Deutschen sind die Manieren flöten gegangen. Das Miteinander ist schwer geworden. Und wir Autofahrer sind mal wieder die Leidtragenden. Wenn uns Fahrverbote nicht aus der Innenstadt vertreiben, dann eben die Radfahrer, die uns langsam aber sicher die Straße klauen“ Auto BILD

Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass ein so einseitiger Beitrag wie der des Herrn Schrieber, der ohne Lösungsansätze daherkommt und von der Diffamierung lebt, nur zur Steigerung der Auflage dient. Jedoch sollte man sich als meinungsbildende Zeitung auch Gedanken über die Folgen des geschriebenen Wortes machen. Darum darf man sich nicht wundern, wenn aufgrund des Aufrufs „Zahn um Zahn“ die Gewalt auf deutschen Straßen in Zukunft weiter zunimmt. Das als Reaktion auf dieses Pamphlet in den sozialen Netzwerken die Emotionen hochkochen, ist natürlich auch nur Mittel zum Zweck.

Ich habe mir dennoch meine erste Auto BILD gekauft. Ich wollte wissen, ob ich mich darin wieder finde und stelle fest, dass dies auch in vielen der geschilderten Situationen zutrifft. Nur könnte ich die Rollen der Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger beliebig austauschen, weil ein Arschloch einfach nur ein Arschloch ist. Jetzt reiße ich mal die Deutungshoheit an mich und versuche das Geschriebene einmal objektiv zu betrachten.
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#2 Quelle: Autobild/Ausgabe Nr. 40/2017

Schon im Vorwort des Chefredakteurs Tom Drechsler auf Seite 1 beklagt er sich über Radfahrer, die Autos schlagen und treten. Hauke Schrieber greift dies auf und beklagt sich über Wutbürger auf dem Rad. Ob im Auto oder auf dem Rad: Menschen haben verschiedene Weltanschauungen. Somit findet sich sowohl der linke autonome Weltverbesserer als auch der rechte Wutbürger auf dem Rad wie auch im Auto wieder. Da kann aber das Fahrrad nix dafür, wenn dem einen oder dem anderen die Nerven durch gehen. Dem motivierten Pöbler ist es gleich, ob er sich in der Anonymität eines kennzeichenlosen Fahrrads bewegt oder nicht. Wer denkt das Radfahren wie ein Irrer zur patriotische Pflicht gehört, soll das gerne tun. Wer früher ins Gras beißt ist länger tot und bezieht keine Renten und Pensionsansprüche im Alter mehr. Dies kann aber auch für Autofahrer ein Dienst an der Gesellschaft sein.

Ich habe das Radeln auf der Straße schon 1989 aufgegeben und bewege mich auch außerhalb meines Sports wenig mit dem Rad im öffentlichen Straßenverkehr. Das hatte damals wie heute die gleichen Gründe: Ich bin als Radfahrer nicht nur Verlierer. Ich bin auch Opfer durch motorisierte Gewalt. Sobald ich versuche, auf meine Rechte als Verkehrsteilnehmer zu bestehen, darf ich mich glücklich schätzen, mit dem Leben davon zu kommen. Also lasse ich mich unterdrücken und denke für Autofahrer mit, um zu überleben.

Als Autofahrer kann ich bestätigen, wie gehirnamputiert sich Radfahrer teilweise im Straßenverkehr verhalten, aber gleichermaßen auch Autofahrer. Sie schneiden, blockieren, bremsen aus, pöbeln, spucken und nötigen. Merkst Du was, Auto BILD? Und die Polizei ist so überfordert, dass sie nicht in der Lage ist, flächendeckende Kontrollen durchzuführen. Ein Arschloch bleibt ein Arschloch, und ich habe keine Lust meine Wut und meinen Frust auf der Wartebank einer Polizeiwache platt zu sitzen und meine Lebenszeit mit dieselskandal-frustrierten Verkehrsanarchisten zu verschwenden, also lass ich es.
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#3 Quelle: Autobild/Ausgabe Nr. 40/2017

Die Unfallzahlen sollen die Gewaltbereitschaft und Zügellosigkeit des Klassenkampfes im Text belegen. Toll, Auto BILD: Schon mal daran gedacht, dass die Unfallzahlen mit Radfahrern deswegen zunehmen, weil die Radmobilität immer mehr zunimmt, weil immer mehr Senioren ohne Straßenkampferfahrung Mobilität auf dem E-Bike wiederentdecken und die Infrastruktur immer radfahrerfeindlicher wird?

Zitat Publizist Harald Martenstein:

„Mich nervt deren moralischen Überlegenheitsgefühl. Fahrradfahrer sind wie eine Wespenplage – sie werden regelrecht wild, wenn man ihre Kreise stört“

Schön plakativ und einfach formuliert, indem man sich unbeliebter Zeitgenossen aus dem Tierreich bedient. IHR nervt mich mit eurer zur Schau gestellten moralischen Überlegenheit genauso wie Braunkohlegegner, Tierschützer, Waldbesitzer, Nationaldeutsche, ach, ich höre auf. Denn das hat nichts mit Radeln zu tun, sondern mit einer grundsätzlichen Verweigerung zur Diskussion und zum Konsens. Indem man nicht bereit ist, die Meinung des anderen zu akzeptieren, diskutiert man nur noch des Diskutieren Willens. Und die der Konsensfindung müde sind, reklamieren einfach das Recht für sich. Warum sollte dies auf zwei oder vier Rädern anders sein?

„Sind Radfahrer wichtiger als Autofahrer?“ Auto BILD

Um es im Sinne der Finanzeinnahmen des Bundes zu beantworten: „Ein ganz klares NEIN!“. Solange der Autofahrer der Finanzier einer ganzen Infrastruktur ist, die auch Fußgängern und Radfahrern zu Gute kommt, ist dieser Satz noch nicht mal mehr als Provokation zu verstehen. Es ist nur ein Versuch zur wutbürgerlichen Meinungsbildung für Menschen, die über das Titelbild eures Lobbyisten-Magazins nicht hinauskommen.

Die eigentlich wichtige Frage, die im Text am Ende nur angerissen wird ist doch die, wie man den unerträglichen Zustand auf deutschen Straßen im Sinne aller beseitigen kann, damit die Frage des Verteilungskampfes sich erst gar nicht stellt.

„Warum hämmern einem Fahrradfahrer bei voller Fahrt aufs Autodach, wenn man sie überholt?“ Auto BILD

Diese Frage setzt natürlich voraus, dass man weiß wie man sich fühlt, wenn ein Auto im Abstand von 40 cm an einem vorbei rast. Da habe ich mich auch schon mal durch einen Klaps dafür bedankt, dass ich noch lebe. Lieber Herr Schrieber: Sie als Fachjournalist sollten doch mit der StVO auf du sein. Dann wüssten Sie, dass die Nichteinhaltung des Sicherheitsabstandes auch schon mal als Kriegserklärung aufgefasst wird. Sich aus reinem Selbstschutz bemerkbar zu machen, bevor Sie einen Mitmenschen aus dem Kotflügel kratzen müssen, ist doch fürsorglich. Genau wie im Straßenverkehr wäre in Ihrem Beitrag „Inklusiv-Denken“ gefordert.

Der Kern des Problems liegt darin, dass sich Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger aufgrund ihrer nicht kompatiblen Geschwindigkeiten einfach nicht mögen. Ihre Interessen liegen dazu noch so weit auseinander, dass man sie besser voneinander trennt.

Die Schuld an der Misere ist ausschließlich in der Politik zu suchen, die nicht im Stande ist, der veränderten Verkehrslage durch urbane Verkehrskonzepte zu begegnen. In einem Land wie den Niederlanden funktioniert es doch und dort ist die Bevölkerungsdichte flächendeckend höher als in Deutschland. Statt auf den Radfahrer einzuschlagen, der entweder des Autofahrers Straße oder des Fußgängers Bürgersteig benutzt, sollte man eine Infrastruktur schaffen, die der massiven Vermehrung der Spezies Radfahrer Rechnung trägt. Solange ich mich als Radfahrer nicht dauerhaft auf für mich alleine vorgesehenen Wegen bewegen kann, wird sich an der Situation auf deutschen Straßen wenig ändern. Natürlich wird dieser Verteilungskampf zu Lasten der Autofahrer gehen. Und das ist richtig so! Durch Auslagerung des Radfahrers aus dem Autoverkehr, durch Reglementierung und Verkehrskontrollen mit drastischen Strafen, so wie in den Niederlanden, kann man der neuen Verkehrssituation Herr werden und eine Infrastruktur für die Zukunft wegweisend mitgestalten. Man muss es nur wollen.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi