Plakativ hat nichts mit Plaka-Farbe zu tun

Guten Morgen! Legt euch nicht mit BILD-Lesern an! Dort, wo Plakativität das Leben bestimmt und Chuck Norris und Steven Segal die Welt in schwarz und weiß einteilen, hat grau keinen Platz. Der alternative Fakt ist unausweichlich geworden, er kennt keine Mischfarben. Er ist klar im Denken. Seit Sonntag gibt es nur noch die, die richtig oder falsch gewählt haben. Egal was in unserer Gesellschaft passiert, es lässt sich auf jede noch so kleine Gemeinschaft herunterbrechen. Auch Mountainbiker lassen sich demographisch und analytisch berechnen. Wir hinterlassen Spuren. Nun sind viele von euch nicht nur zu einer Gefahr auf dem Trail geworden, sondern auch für die Gesellschaft, wenn man den sozialen Medien Glauben schenken darf.

Wir haben gewählt und nichts bleibt beim Alten. Der deutsche Michel hat gesprochen. Die Meinungsforschungsinstitute werden zwar nicht wegen Unfähigkeit geschlossen, jedoch fragt man sich, was es genutzt hat, nach der Meinung der Deutschen zu forschen. Nichts! Denn der missverstandene und unzufriedene Urnengänger hat aus Angst vor weiteren vier ereignislosen Jahren, Stillstand und Langeweile abgewählt.
Formidabel hat nichts mit Formaldehyd zu tun

Deutschland ist nach der Bundestagswahl nicht mehr dasselbe Land wie vorher. Auch unser Sport, unser Hobby, unser Forum wird sich dem nicht verschließen können, so sehr sich auch viele im IBC wünschen würden, von Politik verschont zu bleiben. Schuld daran ist jedoch nicht die AfD mit ihrem Einzug in den Bundestag, sondern einzig und allein die Unfähigkeit der anderen Parteien, sich seriös und verantwortlich mit den Ängsten und Nöten der Deutschen auseinanderzusetzen. Hätten sich einige der geistigen Pressköppe in den letzten zwölf Monaten offener mit den Themen beschäftigt, welche nun durch Rechtspopulisten besetzt sind, wäre der Riss, der durch unsere Gesellschaft geht, wohl viel kleiner. Dafür ist es nun zu spät, auch dank des Internets.

Ich mache mir ernste Sorgen. Als linksversiffter, konservativ-liberaler Demokrat muss ich mir seit dem Wahlabend mehr Gedanken um die eigenen Gesinnungsgenossen machen als um die AfD. Seit Sonntag wird zurückgeschossen. „Wir sind das Volk“ hat gewonnen und der Linkswähler spricht dem Rechtswähler wegen seiner Beschränktheit das Wahlrecht ab. Im Netz wird gerade die Demokratie in Frage gestellt und viele machen mit. Auf einmal will man Menschen ihr Wahlrecht nehmen, nur, weil sie zu den 12,6% gehören, die in den Augen anderer falsch entschieden haben. Angefangen hat es bei Facebook und nun setzt sich Diskriminierung und Diffamierung des Andersdenkenden durch alle soziale Medien fort. Hallo, geht es noch? Wer ist denn nun der Spacken? Linkes Diktat ist nicht besser als rechtes und die Unterdrückung des Andersdenkenden ist grundsätzlich extremistisch und inakzeptabel unter Demokraten.
Nivea hat nichts mit Niveau zu tun

Auf einmal sollen sich AfD-Wähler bei Facebook outen und sich selber aus Freundeslisten entfernen. Es werden Zahlen aus Wahlkreisen analysiert, damit man ja weiß, wie viele Menschen aus der Nachbarschaft die Andersdenkenden gewählt haben. Lehrer wollen ihre Klassenzimmer nur noch dann als Wahllokal zur Verfügung stellen, wenn richtig gewählt wird. Als Krönung des Ganzen gibt es seit gestern Suchfilter auf Facebook, die in deiner Freundesliste AfD-Sympathisanten denunzieren und sofort den Button zur Entfreundung bereitstellen. Ihr seid so schäbig. Sozialdemokraten und Kommunisten wurde auf ähnliche Art und Weise im Dritten Reich und der DDR verfolgt, durch Denunzierung.

Muss meine Straße jetzt morgens zum Appell antreten und abzählen, damit jeder Neunte als Nazi aussortiert werden kann? Wo soll es hingehen, heim in ein besseres Reich? Ab sofort muss in der persönlichen Biografie festgehalten werden, ob man AfD gewählt hat oder nicht. Dann kann man als unzurechnungsfähig eingestuft werden und muss somit sein verfassungsrechtlich verbrieftes Wahlrecht verlieren. Viele, die glücklich sein sollten, in einer funktionierenden Demokratie zu leben, wollen diese auf einmal in eine Diktatur der Gutmenschen verwandeln. Ab sofort werden Menschen stigmatisiert, die ihre Sorgen und Nöte, ihren Protest, in Form eines Kreuzes auf einem Stimmzettel zum Ausdruck bringen. Dabei wäre es doch nötiger, sich mit ihrer Motivation, rechtspopulistisch zu wählen, auseinanderzusetzen.

Stattdessen wird der Vergleich zur Weimarer Republik und zur Machtergreifung benutzt, um mit Adolfs Schreckgespenst Panikmache zu betreiben. Dabei kennen die meisten die so plakativ 1933 vor sich hertreiben noch nicht einmal die genauen geschichtlichen Hintergründe und gesellschaftlichen Voraussetzungen der ersten Republik, die mit der heutigen Situation nur schwer zu vergleichen sind. Wo soll das enden? Müssen Andersdenkende demnächst Rechtspopulisten-Plaketten am Revers tragen, damit man sie als solche erkennt?

Wird das Recht auf freie Meinungsäußerung ab sofort in unserer Gesellschaft eingeschränkt, nur, weil einige dieses Recht „falsch“ benutzen? Das hat mehr mit politischer Säuberung als mit Demokratie zu tun. Wir leben weder in den USA der Fünfziger Jahre noch in der Weimarer Republik. Wir leben in einer stabilen Demokratie, die aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Wenn jedoch einzelne Politiker und Gremien von Parteien es versäumen, sich ausreichend mit dem politischen Gegner auseinanderzusetzen, dann darf man sich am Ende nicht über Wählers Wunsch beschweren.

Marginal hat nichts mit Magnolien zu tun

Ich sehe sie noch vor mir, die massenhaft geteilten Aufforderungen im Netz, wählen zu gehen. Als Resultat kam genau das Gegenteil dessen heraus, was man sich gewünscht hat. 3,3 Millionen Nichtwähler sind dem Ruf, zur Wahl zu gehen, gefolgt. Dummerweise aber nicht um mit dem Ergebnis, dadurch eine Radikalisierung des Wahlergebnisses zu vermeiden. Denn 1,2 Millionen dieser Enttäuschten haben AfD gewählt. Damit erscheint die Gruppe der Nichtwähler in einem ganz anderen Licht, wie auch die Aufforderung von Peter Altmaier, nicht zur Wahl zu gehen.

Unglaublich, nun haben durchgeknallte Spontanwähler aus dem bürgerlichen Lager die Umfrageprognosen durchkreuzt und uns eine weitere Legislaturperiode CDU ohne gefügigen Mehrheitsbeschaffer beschert. „Mutti Merkel“ hat nun vier Jahre ein Thema, mit dem sie von allen anderen wichtigen Themen ablenken kann und wir spielen mit, indem wir uns nur noch mit dieser einen leidigen Partei beschäftigen. Brot und Spiele im Netz, damit die Politik mit „Business as usual“ weitermachen kann. Nein danke!

Hetzkampagnen gegen Wähler, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch genommen haben, müssen aufhören. Wer Demokratie will, muss sie ganz nehmen und sie gegen jeden Missbrauch, ob von rechts oder links, schützen. Ich will nicht in einem Deutschland leben, wo die „normalen“, „richtig wählenden“ Menschen unsere Demokratie in eine Willkommens-Diktatur oder in einen rechten Nationalstaat verwandeln wollen. Ich will nicht im Wald auf Biker treffen, die eine blaue Plakette am Rad tragen müssen, die sie als politisch Verfolgte ausweist. Ich will nicht, dass politisch korrekt bedeutet, seine Sorgen und Ängste nicht frei äußern zu dürfen. Ich brauche keine Bikeparks für AfD-Wähler. Und natürlich bin ich der Meinung, dass Weidel, Gauland und Höcke auf den Müllhaufen der Geschichte gehören.

Und zur Vervollständigung meiner Biografie sei gesagt: „Ich habe die AfD nicht gewählt“. Ich hoffe nun, dass mich nicht jemand voreilig aus seiner Freundesliste entfernt hat und „Likes“ in „Dislikes“ umgewandelt hat, nur, weil ich Demokrat bin. Meine drei AfD-Facebookfreunde dürfen bleiben, sind politisch wirr, aber keine Straftäter. Vielleicht denkt mal der ein oder andere nach, bevor er sich gleicher macht als andere. Und auch das sei gesagt: 60% aller AfD-Wähler haben diese Partei nicht aus Überzeugung gewählt, sondern aus Protest. Ein Hoch auf den Nichtwähler.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi