Der Zwang des Marktes

OPEN YOUR MIND – Ich würde mir wünschen, mehr Menschen würden häufiger mal ihren Kalk im Oberstübchen rotieren lassen, um Platz für ein wenig Sauerstoff zu schaffen. Bekanntlich ist frische Luft ja sehr gesund und zwangsläufig sollte man ja annehmen, dass unser Sport den Aufenthalt an ebensolcher mit ausreichendem Gütesiegel garantiert.

Passend zur Eurobike können wir ein Thema mal wieder richtig frisch aufbrühen. Viele bekommen beim Genuss von Artikeln zum Thema „neue Standards in der Fahrradindustrie“ ja permanente Atemnot. Ihnen empfehle ich beim Genuss der News in den nächsten Tagen entweder eine Sauerstoffflasche im Anschlag zu haben oder einfach mal das Internet abzuschalten. Ich bin mir sicher, eine zeitweise Zwangsabschaltung des WWW würde die Herzinfarkt-Rate senken und dazu in vielen Betrieben die Produktivität steigern.

Es ist wirklich eine olle Geschichte, die Story mit den Standards am Rad. Es sind Verschwörungstheorien der langweiligen Art, dass uns von der Industrie jeder Scheiß als das Nonplusultra verkauft wird. Denn es ist noch viel banaler: Es hat nur was mit Geld verdienen zu tun, nicht mehr und nicht weniger. Das wiederum schließt aber nicht aus, dass einige Errungenschaften bleiben. Warum? Weil sie ganz einfach gut sind. Die Stärke des einsetzenden Widerstandes einer kleineren oder kleinen oder ganz kleinen Gruppe von Ignoranten gegen ein Produkt kann ein Gradmesser dafür sein, dass es scheinbar manchmal eine der Innovationen auf die große Bühne schafft, oder aber dass sich die Industrie einig ist. Das wiederum lässt die Illuminaten-Verschwörungstheoretiker wieder aus ihren Löchern kriechen.

Es wird geschimpft und gezetert und am Ende sitzt eine Gruppe kleiner virtueller Avatars bockig mit verschränkten Armen, zusammengekniffenen Augen und schmalen Lippen vor dem Rechner. Der Rotz läuft vor Trotz aus der Nase und drei Worte werden von spröden Lippen geformt.

WILL ICH NICHT!!! – Okay, es gehört zur Entwicklung einer Persönlichkeit dazu, seinen Willen artikulieren zu können. Auch der Versuch, diesen Willen bestimmt durchzusetzen, dient der Weiterentwicklung. Dass es vielleicht niemanden interessiert, was man zum Thema beibringt oder noch schlimmer, dass man den Untergang der zivilisierten Welt nicht massgeblich beeinflussen kann, ist eine Erkenntnis, die häufig auf sich warten lässt. Die Welt in Einklang zu bringen ist ein Unterfangen, das manchem unmöglich erscheint.

ER KAM, SAH UND KAUFTE – Der Zwang des Marktes der uns nötigt, immer wieder Dinge aufs Neue kaufen zu müssen die man gar nicht will, löst bei einigen scheinbar eine echte Zwangsstörung aus. Bei dem Versuch, sich dieser zu widersetzen, bauen sich scheinbar intensive innere Spannungen auf. Diese Zwangssymptome erzeugen dann Stress, der sich in seiner schlimmsten Form in Bloggorhö Bahn bricht. Produktiv und konstruktiv sind diese Beiträge dann meist selten, eher so interessant wie eine Hämorrhoidenverödung.

Warum ist es für viele nicht möglich, sich einfach erst einmal zurückzulehnen und abzuwarten? Mal beobachten, wie sich die großen tollen neuen Ideen entwickeln, die uns Radsportlern das Radleben versüßen sollen? Nein das geht nicht, egal ob Laufradgrößen, Nabenstandards, Bikekonzepte, es muss alles niedergemacht werden. Endzeitszenarien manifestieren sich, die den Untergang der Bikekultur heraufbeschwören und die Emotionen zum Kochen bringen. Der Fortschritt ist mit Sicherheit ein vermeintlicher Rückschritt. Die wichtigste Frage aber bleibt unbeantwortet: Wer zum Teufel zwingt irgendjemanden, irgendwas, ausschliesslich und unverzüglich zu kaufen? Durch die Industrie verordnete Zwangskäufe würden Massen von Radhändlern frohlocken lassen, weil sie sich dann goldene Eier damit verdienen könnten. Die komplette Journalistenschaft würde sich gar nicht mehr damit aufhalten Teile zu testen, um offenzulegen ob und wie, wofür und warum das nächste „musthave“ gebraucht würde. Nein, wir würden nur noch neue Produkte vorstellen und lobpreisen und dem Zwang des Marktes Folge leisten, weil der Endkunde ja aus einer Zwangshaltung heraus alles kaufen muss, was er vorgesetzt bekommt. Ihr Opfer!

Stattdessen lässt man sich von dem unausweichlichen Bedürfnis leiten, sich permanent der Welt mitteilen zu müssen. Die Opferrolle und die daraus resultierende Rebellion gegen das Neue macht das morgendliche Spiegelbild auch viel attraktiver. Dazu ist es der letzte Strohhalm gegen die Gewissheit, irgendwann einen anonymen Tod sterben zu müssen, während man noch lebt. Im Netz kann man eine Signatur der Ewigkeit hinterlassen.

WHAT THE FUCK – Ich gehe davon aus, dass die Journalistenschaft weder komplett verblödet noch minderbemittelt ist, also zu 93,89%. Natürlich wird es immer Berichte zu Produkten geben, denen es an Objektivität fehlt. Zum Glück gibt es ja meist mehr als einen Menschen, der zum gleichen Produkt etwas zu sagen und zu schreiben hat. Es bedarf keines Vergleichportals, um sich eine Meinung zu bilden.

Aber auch das ist egal, weil Prinzipien eine tolle Sache sind. Wer es braucht und will, soll sich an seinen Prinzipien erfreuen und sich grundsätzlich Neuerungen verweigern. Denn hinter jedem neuen Standard steht der Kommerzteufel Pate. Wenn der alte Scheizz so super funktioniert, ist das doch voll schön. Seid glücklich und freut euch, oder hat die Industrie jemals versucht, den Altbestand an 26 Zoll Laufrädern oder Naben ohne Boost-Standard beschlagnahmen zu lassen, damit ihr den tollen neuen Scheizz kaufen müsst?

Sogar in der werten Kollegenschaft gibt es immer wieder Totalausfälle. Manchmal bleiben nach dem Buchstabenerguss einfach nur Fragezeichen zurück. Wahrscheinlich musste einfach nur eine leere Stelle im Magazin gefüllt werden. Ob der werte Fachkollege sich überhaupt intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder ihm zum Abgabetermin einfach nichts besseres eingefallen ist, weiß nur er allein. Letzteres wäre eine akzeptable Entschuldigung, wenn auch eine schlechte.

„Ich finde meine Worte nicht“, kann doch nicht der Anspruch sein, sich nicht konstruktiv mit einem Thema auseinander zu setzen, ob es nun neue Standards heißt oder „hipstern für Fortgeschrittene“. Hinterfragen ja, seine Bedenken äußern ja, seine Abneigung begründen ja, aber einfach nur draufhauen um sich dann von den Shitstormtroopern im Netz feiern zu lassen – unprofessionell und billig.

Einfach mal etwas weniger Mimimimi und sich bewusst sein, dass man es selber in der Hand hat, wofür man sein Geld ausgibt, würde uns so manche Neid- und Missgunstdiskussion ersparen und Zeit für das Wesentliche lassen: biken, bauen, kaufen.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi