Der Typ hinter dem Solofahrer

Es war mitten in der Nacht, als ich zu Fuß im Fahrerlager eintrudelte. Irgendwo im Nirgendwo einer Abfahrt war mir mein Hinterradreifen mit einem lauten Knall um die Ohren geflogen. Mit dem Knall hatte sich aber nicht nur der Druck in meinem Reifen entladen. Mein Druck entwich nach dem Malheur in einer Schimpftriade. Tage später würde man sich noch von dem kleinen Waldschrat erzählen, der fluchend durch den Wald sprang und Verwünschungen in einem guttural formulierten Dialekt in den Wald schmetterte. Nachdem sich damals mein Hormonhaushalt beruhigt hatte, fand ich dann auch im Licht einer Funzel zuerst das Loch im Reifen nicht. Dafür aber einen Riss in der Seitenwand, der kurzer Hand den Waldschrat noch einmal wiederaufleben ließ. Ich setze meine Fahrt zu Fuß fort, bis ich ein Taxi zurück ins Fahrerlager fand. Da stand ich nun in unserem Lager, demotiviert und schlecht gelaunt.

Doch da war ER! Der Typ hinter dem Solofahrer. Mein Fels in der Brandung, den nichts umhauen kann. Mein Typ heißt Wolle, er sagte nix, er hatte schon lange gesehen was los war und leitete die nötigen Schritte ein. Ich malträtierte währenddessen mein Umfeld mit meinem Unmut. Nachdem Wolle mir noch ein Stück belgischen Reisfladen in den Mund gedrückt hatte, verstummten meine Hasstriaden über das dumme Stück Gummi zu meinen Füssen. Er reichte mir was zu trinken und baute das Ersatzrad ein. Danach sprach er das erste Mal, während er meine Kette liebkoste. „War das alles, du Muschi? Brauchst du noch was anderes?“ Ich verneinte, stieg auf und fuhr los, ich hatte einen Rückstand aufzuholen.

Zwei Punkte entscheiden ein 24h Rennen, Quantität und Qualität! Zum einen ist es die Quantität des Schmerzes, die ein Solofahrer ertragen kann. Ohne die Bereitschaft sich bedingungslos quälen zu können, wird ein vierundzwanzigstündiges Durchfahren der kompletten Palette an Emotionen eine Utopie bleiben. Das ist der Grund, warum die Clique der 24h-Solofahrer überschaubar und recht eigen ist. Der andere entscheidende Punkt ist die Qualität des Betreuers. Er ist der Garant dafür, dass der Solofahrer die bedingungslose Bereitschaft zur Selbstkasteiung perfekt ausleben kann. Dabei muss der Betreuer genauso bedingungslos zum Fahrer stehen, wie der Fahrer bedingungslos bereit sein muss, sich zu quälen.

Muschivomvenn_vor dem Rennen.jpg#1 Der Tag vor dem Rennen – angrillen

Muschivomvenn_Quartett für Erwachsene#2 Wo sollte man sonst Quartett spielen?

Muschivomvenn_Abendstimmung#3 Abendstimmung

Wer ist der Typ hinter dem Solofahrer, dieses geschlechtslose Wesen mit dem Anspruch, dem Wort „Erfolg“ einen Sinn zu geben? Während eines Wochenendes voller Entbehrungen und Qualen wird er schnell vergessen. Niemand spricht über ihn, dabei ist er der Garant über Sieg oder Niederlage. Der Betreuer hinter den Kulissen, dessen Job schon Tage vor dem Event anfängt und erst Tage danach aufhört, ist ein wahrer „Held der Arbeit“. Dies ist meine kleine Hommage an Wolle! Dem Typen hinter mir – mein Freund – mein Rückhalt. Er steht stellvertretend für euch alle, die ihr bedingungslos euren Solotyrannen ausgeliefert seid.

Wolle heißt eigentlich Marcel, aber das haben die Vennbiker vor Jahren geändert. Wolle hört sich viel cooler an. Wolle ist aber nicht cool! Er ist ruhig, zurückhaltend, bedacht, leise, introvertiert, Bierliebhaber, Mountainbiker, Familienvater. Er ist das genaue Gegenteil von mir, er nimmt meinem „maß“ das „los“. Er ist meine große Stütze bei jedem 24h-Soloritt. Wolle ist der Planer und der Macher, er hat alles, er weiß alles und er ist da, wenn man ihn braucht. Er plant Wochen vorher die Logistik für das Rennwochenende. Er besorgt Dinge, bevor ich sie vergessen habe. Er sorgt auch dafür, dass ich nicht vergesse, freitags in den vollgepackten Caddy einzusteigen.

In dem Moment, wo ich in seinen Wagen einsteige, fällt der Stress meiner Vorbereitung von mir ab. Wolle ist da, meine Dosis Valium für den Tag. Seine Anwesenheit beruhigt mich.

Kommen wir an, kümmert er sich um den Aufbau, während ich wieder Chaos verbreite. Ihn stört es nicht, wenn ich wieder mal meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehe und mich ablenken lasse, statt mich um die Rennvorbereitungen zu kümmern. Simsalabim, Lager aufgebaut, aufgeräumt und fertig. Er ist zufrieden, wenn ich zufrieden bin. Das ist bei mir einfach zu bewerkstelligen, sodass meist viel Zeit bleibt, auch einmal den eigenen Wünschen und Bedürfnissen nachzukommen.

Muschivomvenn_Vennbiker#4 Sind wir nicht alle ein wenig Vennbike?

Muschivomvenn_Schlafen im Anhänger#5 Platz ist in der kleinsten Hütte

Muschivomvenn_Schrauben#6 Schrauben zum Entspannen

Wir reisen im Regelfall schon am Vortag des Rennens an. So haben wir beide etwas von den vielen Bekanntschaften vor Ort. Samstags am Raceday bin ich meist sehr aufgeregt. Wolle achtet darauf, dass ist esse und trinke. Sobald ich zum Solofahrer mutiere, gebe ich meine Persönlichkeitsrechte ab. Klogänge sind das Einzige, worüber ich die Entscheidungsgewalt behalte, für den Rest ist ab sofort Wolle verantwortlich.

Wir sprechen ein wenig über die Renntaktik. Meist ist dieses Gespräch kurz. Er weiß, worauf es ankommt. Er kennt die Strecken und das Rennen, er ist meine Wetter-App. Essen wird vorbereitet, Flaschen werden gefüllt, die Lampen gecheckt und die Ladung der Akkus kontrolliert. Das Rad checke ich im Regelfall alleine. Aber auch das würde er mir noch aus der Hand nehmen, wenn der Bikecheck nicht meine Art der Meditation wäre.
Alle Fragen haben eine Antwort in seinem Universum. Wo stehen welche Schuhe zu welchem Zweck? Was für Kleidung kommt während des Rennens in Frage? Wie ist der Zeitplan zum Kleidungswechsel? Unsicherheiten können wir uns nicht leisten.

Oft werden Solofahrer gefragt, welches das Hauptthema in einem 24h-Rennen ist. Es gibt nicht wirklich ein Hauptthema. Zu vielfältig sind die Möglichkeiten, ein Rennen aufgeben zu müssen. Vom technischen Defekt über Stürze und gesundheitliche Unpässlichkeiten bietet das Schicksal ein breites Potpourri an Unwägbarkeiten, die ein Rennen zu einem Fiasko mit Erfahrungswert mutieren lassen können. Ganz zu schweigen von den Eskapaden, die das Wetter so bereithält. Für die Grundvoraussetzung mit einem perfekt vorbereiteten Körper ins Rennen zu gehen bin ich verantwortlich, für alles andere mein Wolle.

Ein Rennen ohne Wehwehchen gibt es nicht. Während des Rennens sind Rückenschmerzen, taube Hände oder Magen- und Darmprobleme häufig Gründe, die ein Rennen entscheiden können. Seine Aufgabe ist es, die Probleme in den Griff zu bekommen. Er hat die Erfahrung, er sieht mir an, in welchem Zustand ich mich befinde. Experimente bei der Nahrungszufuhr sollte man auf das Training verlagern, das geht im Rennen selten gut.

Die ersten Stunden im Rennen sind die entspanntesten für meinen Schatten. Solange das Rennen jung ist und die Fahrer motiviert sind, gibt es nicht viel zu schaffen für die Betreuer. Trinkflaschen tauschen, Essen fassen und die Statistik führen, alles easy. Nur ein Defekt oder Wetterumschwung kann Hektik erzeugen. Wolle hält auch Ergebnisse von mir fern. Ich fahre mein Rennen, nicht das der anderen. Gegen Abend kommt ein längerer Stopp, die Lampen werden angebaut, das Rad gewartet, Bekleidung gewechselt, und ein erster Blick auf die Ergebnislisten geworfen. Die Taktik für die Nacht wird festgelegt.

Muschivomvenn_die Ruhe vor dem Sturm#7 Die Ruhe vor dem Sturm

Muschivomvenn_Betreuer sein macht einsam#8 Manchmal ist Betreuer zu sein ein einsamer Job

Muschivomvenn_Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen#9 Letzte Instruktionen durch die Konkurrenz beirren IHN nicht

Wenn die Dunkelheit sich demotivierend auf das Fahrerfeld legt, werde ich munter. Ich mag die Nacht, ihre Stille ist einlullend, aber auch hinterhältig, weil sie dem Wettkampf nur die Geräuschkulisse nimmt. Nun gilt es Fakten zu schaffen. Für viele Fahrer beginnt gegen zwei Uhr ihre persönliche Todeszone, aber da schläft mein Typ. Ab einer gewissen Uhrzeit gebe ich dem Personal frei, dann werde ich ungenießbar. Und wenn schon einer schlaflos im Sattel fährt, muss der andere sich nicht auf schlaflos hinterm Lenkrad vorbereiten.

Wenn die Todeszone im Morgengrauen ihre Opfer gefordert hat, weiß ich, ob ich noch mitspielen kann im Reigen der Topfahrer. Das ist eine Motivation die nötig ist, denn im Gegensatz zu anderen, die mit dem Erwachen des ersten Lichts wieder aufblühen, setzt bei mir nun meist massiv der physische Verfall ein. Nun schlägt die Stunde des weltbesten Betreuers. Jeder hat seinen eigenen Weltbesten und alle wissen, dass von nun an die richtige Motivation, die richtigen Worte, das Gefühl über den weiteren Verlauf des Rennens entscheiden können.

Während ich auch schon mal in Trance über die Strecke eiere, kann der Motivationsvermerk von ihm dann schon mal etwas derber ausfallen, sodass wieder ein kleines Licht ganz hinten im Schädel aufflackert und meine Augen beleuchtet. Er schickt mich Runde um Runde weiter auf die Strecke und weil Ultralangdistanzler sehr familiär sind, gibt es meist auch Zuspruch durch andere Betreuer. Das sind die Momente, wo das Podium in den Hintergrund rückt, denn kämpfen tun wir alle. Der humoristische Höhepunkt eines 24h-Rennens formatiert sich dann in den Buchstaben des Wortes „Attacke“. Eine Attacke auf der letzten Rille zu fahren, kann bei so manchem Fahrer nach 400 km einen Lachflash auslösen, wenn er noch die Kraft dazu hätte.

Das sind dann auch die Momente, wo ich ihn töten könnte, aber das sind auch die Augenblicke, die aus einem Marathonfahrer einen Ultralangstreckenfahrer machen. Unsere Betreuer wissen um den Umstand, dass der Zombie auf zwei Rädern um die sechzehnte Stunde seine Mutation vollzogen hat und nur noch einem gewissen Automatismus folgt. Nur diesen gilt es aufrecht zu erhalten. Eine Attacke durchbricht diesen Automatismus und kann zu einer gewissen Belebung führen, wenn das Bedürfnis, so eine dämliche Medaille besitzen zu wollen, die Oberhand behält.

Finale: dieses wird mit einer der wichtigsten Handlungen meines Wolles zelebriert. Egal wie es ausgeht, ich will nach der Zieldurchfahrt ein kaltes Schwarzbier trinken. Wenn alles keinen Sinn ergibt, dann aber zumindest das Verlangen nach einer Gaumenfreude. Nachdem Energiegels zumeist die letzten Stunden die Nahrungszufuhr bestimmt haben, muss auch mal was Leckeres her, Prost. Danach gibt der Masochist sich seiner Müdigkeit hin, während der Typ dahinter weiter die Fäden zieht. Was würde ich nur ohne ihn machen.

Muschivomvenn_Affenschnitzel#10 Feeding time

Muschivomvenn_nach dem Rennen#11 Das Ende eines Rennens

Der Job hinter dem Solofahrer ist total unterbewertet. Das Wesen für alle Fälle ist Mama, Papa, Mechaniker, Physiotherapeut, Allgemeinmediziner, Ernährungsberater, Seelsorger und Freund zugleich. Er steht nicht oben auf dem Podest, jedoch würde der Solist ohne ihn dort auch nicht stehen. Und während der Solofahrer nach dem ersten Glückstaumel der bestandenen Reifeprüfung so langsam ins Leistungsloch wegdämmert, baut das Mädchen für alles auch noch das Lager ab, um dann den erschöpften Körperschinder wohlbehalten und unfallfrei zurück nach Hause zu bringen.

Danke, danke, danke an alle euch da draußen, die ihr euch in den Dienst eines Sportlers stellt, um Euch im schlimmsten Fall dafür auch noch eine halbe Nacht beschimpfen lassen zu dürfen. Danke für eure Fürsorge und Geduld und den Zuspruch, wenn er nötig ist. Ohne Euch wäre ein ambitioniertes fahren in einem 24h-Rennen nicht möglich.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi

Muschivomvenn_Der Wolle#12 Ja, er darf auch selber fahren!