Die Affäre Plusformate

Viele Einflüsse, die eine Leidenschaft befeuern, sind gar nicht genau zu definieren. Wo die Liebe so hinfällt. Leidenschaft ist nicht mit Zahlen, Kennlinien und Diagrammen erklärbar. Genau diese Leidenschaft, neben dem Drang damit Geld zu verdienen, ist dafür verantwortlich, dass es Entwicklung und Fortschritt in unserem Sport gibt. Und manchmal kommen dabei Ideen heraus, bei denen man erahnen kann, dass sie über den Status einer Nische nie hinaus kommen werden. Andere wiederum schaffen trotz aller Unkenrufe den Sprung in den großen Markt.

Allen Zauderern, Pfennigfuchsern und Materialkonservativen sei an dieser Stelle gesagt: Ihr könnt weiter auf den richtigen Moment warten, ein Bike zu kaufen. Ihr dürft weiter neue Standards ignorieren. Der Niedergang der Spezies 26 Zoll bringt aber so einiges hervor, was Leidenschaften wecken kann. Und seitdem 29er das Feld der Downhill-Spezialisten dominieren, wird wohl nicht nur 26 Zoll bald endgültig tot sein.

Wenn ihr eure Emotionen im Griff habt, meine Hochachtung. Neue Standards wird es solange geben, wie eine Industrie damit Geld verdienen kann. Und es gibt uns, die wir immer nach dem Tollsten, Neusten, Besten suchen. Wir sind die Geldsäcke, die eine ganze Konsumgesellschaft am Leben erhalten. Niemand soll irgendwann behaupten, ich wäre dafür verantwortlich, dass das System Luxus wegen mir gescheitert wäre.

Erschwerend kommt hinzu: ich bin ein Mann. Männer sind emotional häufig einfach gestrickt. Bei mir ist das auch so. Ich kann perfekt Klischees bedienen, Weiber, Bikes und Rock n’Roll. Bei Mountainbikes halte ich es gerne so wie bei Frauen, es darf ruhig ein wenig draller sein. Sobald die Hormone ins Spiel kommen, sind Rationalität und Vernunft außen vor. Somit liegen Plusformate-Bikes für mich genau im Trend: Drall, rund, halbfett oder volldünn. Die manifestierte Erotik für meine schlüpfrigen Träume. Ob solche Bikes einen Sinn und Zweck erfüllen, wird erst viel später vielleicht hinterfragt. Sind halt auch nur Männer in der Radindustrie, die hinter hohen Mauern ihre Synapsen quälen.

Muschivomvenn_SingleBe Muschitude_#1 Ich darf vorstellen, SingleBe Muschitude 29+

Das Thema Fatbike hat, nachdem es hohe Wellen geschlagen hat, seine Nische in unserer Radwelt gefunden – und das zu Recht. Das mag diskussionswürdig sein, ist jedoch emotional gesehen sinnbefreit. Für mich war nach dem Rose Tusker Test und dem Pivot LES Fat Test in 2015 klar, dass ich ein Plus-Bike brauche. Mein Fahrstil, meine Vorlieben und der geringe Q-Faktor hatten Begehrlichkeiten in mir geweckt. Darum die Idee, sowohl B+ und 29+ fahren zu wollen.

Da ich nicht einfach irgendein 29+ fahren wollte, war schnell klar, dass es was Maßgefertigtes sein muss. Heraus kam ein Lowrider namens „Muschitude“ mit tiefer Front und spurstabilen Fahrverhalten. Breite Reifen in Verbindung mit filigranem Stahlgeröhr lassen bei unserem ersten Treffen dann auch den mittelreifen Hormonhaushalt eskalieren. Die fast identische Rahmengeometrie zu meinem Genesis Fortitude Adventure machen dann auch den direkten Vergleich zu einer normalen 29 Zoll 2,2 Bereifung möglich. Und weil ich dann schon mal dabei war, wollte ich B+ als gefühlsechte Option direkt noch mit testen, jedoch in seiner ursprünglichen Idee, als Möglichkeit einen 29er Rahmen auf dicke Reifen zu pimpen.

Muschivomvenn_downhill (2)#2 Ein bunter Klecks im Wald

29+ im Test
Meine Ansprüche sind hoch. Von 29+ Bereifung erwarte ich mir die Möglichkeit, auf vielen verschiedenen Untergründen sicher vorwärts zu kommen, außerdem hohe Laufruhe, Stabilität, und ausreichende Dämpfung. Ein B+ Bike will ich auch einfach mal laufen lassen können, weil es gerne meine Fehler in der Linienwahl verzeiht. Aber beide sollen nicht so träge sein wie ein Fatbike. Ich will das Thema Selfsteering abhaken und ich will einen „normalen“ Q-Faktor fahren und mit einer Tretlagerbreite von 73 mm auskommen können.

Nach langem überlegen fällt meine Felgenwahl auf Velocity Dually in silber mit einer Breite von 45 mm und Bontrager Chupacabra Reifen in 3 Zoll Breite. Nicht zu schmal und auch nicht zu breit soll es werden, um den perfekten Kompromiss zu finden. Darum fällt mein 29+ auch sofort dadurch auf, dass es eins nicht macht: Es benimmt sich nicht wie ein Fatbike, sondern mehr wie ein tourenlastiges 29er. Natürlich sind die großen Laufräder alleine durch ihren Umfang und wegen ihres Systemgewichts träger als gewöhnliche 29er Laufräder. Jedoch hat auch nie jemand behauptet, mit diesem Format ein racetaugliches Bike auf die Beine stellen zu wollen.

Muschivomvenn_Wald (2)#3 Die Gripfrage ist nie wirklich eine.

Muschivomvenn_uphill (2)#4 Steil ist geil mal anders herum

Der größere Laufraddurchmesser macht sich sofort über die Übersetzung bemerkbar. Ich glaube, dass es bei 1×11 nur zwei Optionen in der Kettenblattwahl am 29+ gibt: 28 oder 30 Zähne. Die Option einen Umwerfer zu fahren fällt aus, wenn man zwingend einen geringen Q-faktor fahren möchte. Bringt man aber die Schwungmasse der großen Räder erstmal in Bewegung, dann rollt es. Und rollt und rollt.

Die wichtige Frage, wie es mit dem Grip ausschaut, ist schnell beantwortet. Es hat Grip und dämpft hervorragend, sobald man den Luftdruck auf unter 1 bar bringt. Die niedrige Front, die entspannte Sitzposition, ein hervorragendes Überrollverhalten und der gute Geradeauslauf machen ein 29+ zum perfekten Reisebegleiter auf den nächsten Overnighter oder für den langen Tagesausflug. Ich konnte während der letzten TransAlp ein paar Teilstücke des Rennens mit meinem „Muschitude“ unter die Stollen nehmen. Meine ersten Eindrücke, die ich auf meinen Hometrails gesammelt habe, wurden hier bestätigt. Dazu bieten die breiten Reifen das, was viele am Starrgabelrädern bis jetzt vermisst haben: den Komfort am Vorderrad. Auf den normalen Wald- und Wiesentouren machen die Chupacabras eine schwere und wartungsintensive Federgabel überflüssig. Wenn man sich solch ein Rad nun auch noch mit einer Lauffork und 60 mm Federweg vorstellt, hat man wohl das Beste aus 2 Laufradgrößen (29/Fat) für den Tourenfahrer zusammengebracht.

Muschivomvenn_SingleBe, Muschitude, 29er#5 Komfortzone Reifenvolumen

Muschivomvenn_wald2.jpg#6 Je flowiger, desto spaßiger

Eine Felgenbreite von 40-45 mm sehe ich für 29+ als Optimum an. Wer eine breitere Felge wählt, muss sich unter Umständen wieder auf ein fatbiketypisches Fahrverhalten einstellen. Wer unter die 35 mm Felgenbreite geht, wird wohl mit einem Luftdruck über 1 bar fahren müssen, um ein Wegknicken des Reifens in Kurven zu vermeiden. Dies wiederum vermindert dann aber den Dämpfungskomfort des Reifens.

Natürlich sind die Grenzen von 29+ dort gesetzt, wo das Gelände anspruchsvoll wird und ein wendiges Rad vonnöten ist. Aber auch dort kann ein versierter Fahrer dieses Format als Herausforderung betrachten und nicht als Handicap. Jedoch wird auch 29+ es nie aus der kleinen Ecke des Besonderen für Kenner herausschaffen. Alleine deswegen schon, weil es keine kompatiblen Rahmen aus anderen Laufradgrößen gibt, wenn man von den Fatbikes absieht. Hier machen die 3 Zoll breiten Reifen jedoch in den breiten Hinterbauten eine eher unglückliche Figur und der große Vorteil der geringen Tretlagerbreite ist nicht vorhanden.

Muschivomvenn_perfekter Luftdruck (2)#7 Perfekter Luftdruck

Meine Meinung ist, dass 29+ noch mehr Nische sein wird als Fatbike, ein bisschen arrogant und hochnäsig, extravagant und introvertiert. Wer weg will vom Mainstream oder als Backpacker unterwegs sein möchte, findet hier sein neues Zuhause. Abseits vom Trend Gravelbikes finden die kleinen Hersteller, die es sowieso nicht interessiert, was die Großen machen, ihre Marktlücke. Und wer sich darauf einlässt und den richtigen Einsatzzweck wählt, wird die ganz großen, volldünnen Reifen nicht mehr missen wollen.

Muschivomvenn_Titanix, Muschitude.jpg#8 Dicke im Konditionstest…

B+ im Test
B+ ist seit Jahren in aller Munde. Was eigentlich nur als Möglichkeit gedacht war, um in handelsübliche 29er Rahmen breitere Reifen zu verbauen, entwickelt sich nun zu einem ganz eigenen Format. Alles nur, weil die Radindustrie Angst hat, wieder einen Trend zu verpassen. Entwicklungen wie „Boost” Naben wurden sofort von der ganzen Branche adoptiert. Sie machten es schnell möglich, dass B+ heute nicht mehr viel mit der ursprünglichen Idee von Bob Poor zu tun hat. Darum habe ich mich bewusst dazu entschieden, Bob zu folgen und mein 29er Endurohardtail auf B+ umzurüsten.

Von einem B+ Bike erwarte ich ein deutliches Spaß-Upgrade in Sachen Grip und Dämpfung. Darum ist mein 2Soulcycles Quarterhorse Rahmen genau die richtige Wahl, um festzustellen, inwieweit man mit breiteren Reifen den Spaß steigern kann. Der 29er übliche schmale Hinterbau engt die Felgenwahl deutlich ein. Darum entscheide ich mich für Spezialized Roval Laufräder mit einer Maulweite von 29 mm. Da das Quarterhorse mit der 29er Bereifung schon sehr überzeugende Fahreigenschaften abliefert, liegt die Messlatte hoch. Das bedeutet für mich dann auch möglichst leichte Reifen zu nutzen, um 29 keinen Gewichtsvorteil zu bieten. Darum fällt meine Wahl auf den Schwalbe Rocket Ron in 2.8 Zoll. Dies wird sich als grober Fehler erweisen.

Muschivomvenn_Titanix (2)#9 …gibt es auch in schmutzig

Muschivomvenn_Treppe.jpg#10 ACHTUNG, gestellte Szene

Das erste Probesitzen nach dem Umbau ist recht unspektakulär. Das Rad fühlt sich kleiner an, da der Reifendurchmesser von B+ etwas geringer ist als der von 29. Ich frage mich, ob es durch das etwas tiefere Tretlager wohl Probleme in technischem Gelände geben wird. Für einige ist das ein Ausschlusskriterium, um von 29 auf B+ umzubauen. Der Schwalbe Rocket Ron mit seinem offenen flachen Profil und seinem geringen Gewicht von 785Gramm ist eine echte Ansage. Sie sorgen dafür, dass die B+ Version meines Quarterhorse nicht schwerer ist als die 29er Variante.

Mit einer gesteigerten Erwartungshaltung geht es ins Gelände und zurück komme ich mit dem Empfinden, mit B+ nichts gewonnen zu haben. Da, wo ich im Downhill einen Vorteil durch mehr Grip habe, wird er mir im im Uphill genommen. Wo die Reifen im Trockenen voll überzeugen, so enttäuschen sie bei Nässe. Unterm Strich für mich als Allrounder eine Pattsituation, wenn die geringe Bodenfreiheit nicht stören würde. Im weiteren Verlauf des Tests enttäuscht in erster Linie nicht das Format B+ , sondern der Reifen und die Felgenbreite. Der Schwalbe Rocket Ron kann nicht viel in Verbindung mit der schmalen Felge. Er mutierte damit schnell zum Pannenclown, auch in flowigen Gelände. Ich bin noch nie eine so pannenanfällige Kombination gefahren. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass man dies wohl auf die geringe Felgenbreite schieben kann.

Wer einen B+ Reifen auf einer Felge unter einer Breite von 35 mm fahren will, sollte auf Reifen mit einer steiferen Karkasse wie beispielsweise den WTB Trailblazer zurückgreifen. Anders hilft nur ein höherer Luftdruck als für B+ üblich. Dadurch verliert man aber die Vorteile eines dämpfenden Reifenvolumens. Der WTB Trailblazer, der Pate aller B+ Reifen, macht dann auch eine viel bessere Figur auf der Roval-Felge, aber er baut auch deutlich schmaler. Dies wiederum würde eine breitere Felge wie die Ryde Trace oder die Spank Oozy 395+ erlauben. Im Trailpark Pod Smrkem konnte B+ nochmal zeigen was es kann: Flowig, Uphill und Downhill im Wechsel, ein Gelände welches jedem Mountainbiker, unabhängig von Fitness und Fahrtechnik, Spaß machen kann. B+ kann auch hier alles, aber überzeugen kann es mich noch immer nicht. Der Unterschied zur normalen 29er Bereifung ist marginal und reine Geschmacksache.

Muschivomvenn_Streckenbesichtigung (2).jpg#11 Streckenbesichtigung

Muschivomvenn_Titanix.jpg#12 Wegbügeln mit 140 mm an der Front

Muschivomvenn_Trailhatz (2)#13 Trailhatz

Am Ende steht ein gespaltenes Fazit:

Für mich sind die leichten Vorteile von B+ auf schmalen Felgen von unter 35 mm es nicht wert, ein 29er auf dieses Format umzubauen. Das ist herausgeworfenes Geld, was sich besser anlegen lässt. Anders kann es aussehen bei Felgen ab 35 mm Breite. Jedoch muss man dann auf einen schmal bauenden Reifen wie den WTB Trailblazer zurückgreifen und die geringere Bodenfreiheit in Kauf nehmen.

Sehr wohl sehe ich aber die Möglichkeiten von B+ jenseits der Zwänge eines zu schmalen Hinterbaus. Moderne Mountainbikes, die von vorne herein auf B+ ausgelegt sind, ausgestattet mit breiten Felgen und Reifen um die 3 Zoll, bieten im Gelände gerade Anfängern mehr Sicherheit. Die Komfortzone wird erweitert. Darum lohnt es sich genau zu überlegen, in welches Laufrad- und Reifenformat man beim Neukauf investieren möchte. Dem geübten Mountainbiker wird es am Ende egal sein, ob 650b oder B+ oder 29 – er kommt mit allem klar und entscheidet nach Vorliebe. Somit stehen wir wieder am Anfang meines Textes; bei den Emotionen, die ein Mountainbike auslösen kann.

Muschivomvenn_steilistgeil.jpg#14 Steil ist geil richtig herum und…

Muschivomvenn_Trail.jpg#15 …wir stellen die Bodenfreiheitsfrage?

Ein Ausblick in die Zukunft
Die Zukunft wird weiterhin Neues für uns bereithalten. Ein Szenario wäre, dass sich B+ gegenüber normalen 650b Rädern durchsetzen wird und die schmalen Reifen im Format 650b langsam wieder vom Markt verschwinden werden. Wer schnell fahren will, greift automatisch zu den 29ern und das 29er auch Downhill kann, wird seit diesem Jahr im World Cup unter Beweis gestellt. Also warum dann noch 650b?

Ein erstes Ausrufezeichen in neue, interessante Richtung setzt wieder mal Rocky Mountain. Nachdem sie schon mit dem „Sherpa“ B+ ins Rampenlicht gesetzt haben, kommt nun das Modell „Suzi Q“, ein 650b Fatbike im Format 3.8 Zoll. Als hätte Rocky Mountain in meiner Wunschkiste gekramt, machen sie nun Fatbikes racetauglich und versuchen das Monster „Q-Faktor“ so klein wie möglich zu halten. Das Ergebnis wird den nächsten Hormonschub bei einigen von uns hoffnungslos emotionsgeleiteten Sportlern auslösen.

Muschivomvenn_Reifen (2).jpg#16 Solange es keinen Durchschlag gibt, ist alles gut.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi