Ski ist tot, es lebe das MTB…

… und bei mir läuten die Alarmglocken. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Aufwertung unseres Sports, durch den Niedergang der Schneesicherheit in den Alpen, mutiert in Wirklichkeit langsam aber sicher zu einem Alptraum. Genau zu dem Alptraum, in dem sich der Skisport schon seit Jahren befindet. Eine ghettoisierte Partygesellschaft, gelenkt durch die Geldströme der Tourismusbranche, lassen den Wunsch auf eine „Freie Fahrt auf freien Wegen“ wohl dauerhaft in weite Ferne rücken. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass alles was jetzt so schön aussieht, in Wirklichkeit der Anfang vom Ende der Freiheit auf dem Rad sein wird.

Mit Skisport wird Geld verdient, nur so lässt sich die Lobbyarbeit rechtfertigen, die zu den Bausünden in den Alpen geführt haben. Im Sommer gleichen diese Bettenburgen aus Beton dann Geisterstädten. Mein Traum vom Alpenurlaub beim Anblick solcher Lobbyistenarbeit endet dann im Brechreiz.

Schon lange, ich sage betont nicht „immer“, ist der Skisport nicht mehr das, was er früher einmal war. Ich überspitze das jetzt mal bewusst. Eine kleine Minderheit fährt Langlauf oder ambitioniert alpin. Die große Mehrheit jedoch betreibt alpinen Skisport so, wie es sich der Tourismus wünscht, mit nix im Gepäck außer dem Wunsch nach Aprés-Ski-Halli-Galli. Damit lässt sich das große Geld verdienen. Über Material, Kurse, Skipässe und der obligatorischen Saufeskapade nach der dritten Abfahrt. Die Skisportverbände und die Medien unterstützen das Ganze auch noch durch ausgedehnte Sportveranstaltungen und deren Übertragung im Fernsehen, bei denen der ganzen Nation gezeigt wird, wie gut sich alleine schon beim Zuschauen feiern lässt.

Und da kommt die Klimaerwärmung und macht ein ganzes Geschäftsmodell kaputt. Das ist echt kacke. Aber waren da nicht diese flegelhaften Bergrüpel auf zwei Rädern, die denken, sie könnten im Sommer arme Wanderer zu Hauf erschrecken? Was liegt nun näher, als das Bergradfahren aus seiner Schmuddelecke herauszuholen und mit Apres-Ski-Viren zu infizieren?

Dutzende Tourismusberater drängen nun schon seit Jahren Gemeinden dahin, dezidierte Strecken zu bauen, weil das angeblich die Biker mögen. Am besten noch mit Liftunterstützung, damit am Radtouristen auch was zu verdienen ist. In der Allgemeinheit wird diese neue Aufmerksamkeit dem Mountainbikesport gegenüber sehr begrüßt. Aber was steckt den nun wirklich dahinter, wenn man einmal etwas weiterdenkt?

Genau wie im Skisport gibt es eine kleine Gruppe, die diesen Sport als echten Sport betreiben und verstehen. Das ist gut und wichtig, denn ohne diese Gruppe wäre die Tourismusindustrie um ein existenzielles Zugpferd ärmer. Jedoch: Geld verdient wird mit der großen Masse der Freizeitsportler. Dabei wird aber nicht am eigentlichen Sport verdient, sondern am Konsum der Sporttreibenden. Darum ist es wichtig, den Konsumenten an einen Ort zu binden und ihn maximal zu schröpfen.

Das alles ist keine Entwicklung aus dem Sport heraus, sondern ist alleine durch die Tourismusbranche gesteuert, um die breite Masse in einen Sport zu ziehen. Die Leute, die wirklich den Sport suchen, werden aber eher abgeschreckt von dem Trubel.

Und so lenkt der Tourismus über seine Angebote, wohin sich der Sport entwickelt. Und sobald da Geld ins Spiel kommt, müssen diese Angebote dem Sport nicht nutzen. Das ganze Alpinskifahren hat doch erst dadurch einen schlechten Ruf bekommen, weil der Skizirkus mit Pistenbau, Beschneiung, Unfällen und Party völlig überdreht ist, einfach nur normal Ski fahren ist nicht mehr angesagt. Und so findet sich auf jeder Skipiste auch gleich noch ein Funparcours mit Riesen-Obstacles.

Man darf nun die Paralellen zum Mountainbiken ziehen.

Verdient wird am Service für die Biker. Übernachtung, Verpflegung, ein bewachter Radkeller mit Bikewash und Wellnessprogramm für Reiter und Pferd sind der Traum des urlaubsreifen Freizeitsportlers. Aber man möchte dazu zusätzlichen Umsatz generieren. Deshalb werden für Biker spezielle Angebote geschaffen, die Geld bringen. Das ist zuerst der Transport. Also gehören Shuttle-Service und Lifte mit ins Programm. Das alles ist in den schneekranken Wintersportgebieten schon vor Ort vorhanden. In kleinem Rahmen werden dazu noch geführte Touren und Kurse angeboten. Aber alles darf sich nicht zu weit weg bewegen vom Kernpunkt des Geschehens.

Da hauptsächlich am Transport verdient wird, wird bewusst eine Art des Bikens gefördert, die einen Transport notwendig macht und dazu keine große Kondition vorausgesetzt. Aus Unwissenheit hat man sich in der Vergangenheit zu lange auf schwierige Downhills konzentriert. Das hat aber nur eine kleine Gruppe von Mountainbike-Sportlern angesprochen. Daraus hat man gelernt.

Deshalb kommen jetzt die Flowtrails so groß in Mode. Was Sölden und Saalbach vorlegen, wird von den Leuten gut angenommen. Andere Destinationen wollen da nachziehen, denn damit wird nun die breite Masse angesprochen. Für die Tourismusindustrie macht es aber nur dort Sinn, wo vorhandene Anlagen genutzt werden können. Dadurch kann der gebeutelte Wintersporttourismus durch eine erhöhte Auslastung im Sommer gesunden.

Aber von einem freien Betretungsrecht auf Wegen für Mountainbiker in Österreich ist in den Tourismuskonzepten nie die Rede. Daran wäre ja auch nichts zu verdienen. Das wäre absolut kontraproduktiv und darum wird sich an der Situation in Österreich auch nichts ändern. Es geht ja darum, dass man nach Sölden oder Saalbach fahren muss, weil es überall anders verboten ist, seinem Sport nachzugehen.

Und jetzt kommen die Leute nach dem Urlaub wieder heim und schwärmen von der tollen Art zu biken und wollen das auch vor der Haustüre haben. Die Folge ist, das Menschen sich “zu schwere” Bikes mit reichlich Federweg kaufen, um dann festzustellen, dass Berge hochzutreten doch anstrengend ist. Und da wir nicht überall Lifte haben, finden sich sogenannte Bikeguides, die sich zunehmend aufs Shuttlen verlegen. Da aber auch die normalen Wege langweilig werden, kommt dann wieder der illegale Streckenbau ins Spiel. Dadurch werden Kommunen wieder mit dem Problem Mountainbiker konfrontiert, dass wiederum nach weiteren Lösungen schreit. Jeder Flowtrail, jeder Bikepark und jede ausgewiesene MTB-Route kann zum Versuch mutieren, unsere persönliche Freiheit einzuengen.

Darum kann man die gefeierte Anerkennung unsers Sports in der Öffentlichkeit auch anders interpretieren. Am Beispiel des Artikels „Raus aus der Pubertät: Biken wird erwachsen“ kann man das erlesen. Wenn man beim Lesen des Artikels den enormen Einfluss der Bergbahn- und Liftbetreiber in den Alpen in Betracht zieht, ohne deren Einverständnis nicht eine einzige Strecke in den Skigebieten der Alpen gebaut werden könnte, bleibt ein fader Beigeschmack. Es droht die Ghettoisierung unseres Sportes auf die Regionen, wo mit MTB Geld verdient wird.

Ein Traum für die Gegner unseres Sports wird in den Alpen wahr und wartet darauf, exportiert zu werden. Die Niederlande haben sofort die Hand gehoben und das System „Ghettoisierung“ adoptiert und deutsche Gemeinden ziehen überall mit MTB-Wegenetzen nach. 
Benötigen wir wirklich ausgeschilderte MTB-Routen, oder haben wir uns nicht seit Jahren gut an den Wanderwegweisern orientiert? 

In der Zukunft wird dann mit dem Verweis auf das Wegenetz möglich sein, alle anderen Wege für Zweiräder zu verbieten. Und der breite Mainstream spendet Applaus, weil die Party auf dem nächsten Table und dem besten Flow garantiert ist und das Fahren, abseits der künstlichen Bikeanlagen, aus eigener Kraft sowieso zu anstrengend ist.

Nun stelle ich mir die Frage, ob ich nicht vielleicht mehr 26 Zoll bin als ich gedacht habe? Gehört mein Verständnis vom Radfahren nicht mehr in den Mainstream, weil es nicht erlebnisorientiert genug ist? Vielleicht bin ich dann bald einfach nur wieder das, was ich in meiner Jugend schon war: aufsässig, unangepasst, illegal und dazu noch vom Aussterben bedroht. Das Schöne ist, das vieles im Alter seinen Schrecken verliert. Illegales Radeln im Wald gehört definitiv dazu. Dieses Problem bleibt solange winzig, solange ich schneller fahre als der Verfolger hinter mir.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi