Die Postfaktischkeit des Seins

Früher wussten wir: wir können den Problemen der Welt mit einem Faktencheck und guten Argumenten beikommen. Das war die Zeit des FAKTISCHEN. Nun haben wir die Zeit des POSTFAKTISCHEN. Seit der Trumpisierung des Abendlandes sind Heerscharen von gefühlten Globalisierungs-Verlierern für die Faktenlage nicht mehr zugänglich. Eine neue ernstzunehmende Krankheit greift als Pandemie auf die gesamte westliche Welt über. Niemand weiß, wie gegen die hochgradig ansteckende Faktenintoleranz anzukämpfen ist. Und nun hat sie sich auch unseres Sports bemächtigt.

Freitag, der 25.11.2016. Es ist kurz nach 14 Uhr, seit 11.50 wird zurückkommentiert. Die Redaktion hat einen Artikel veröffentlicht, zu dem mir nur zwei Gedanken einfallen. „Hoffentlich hat die Redaktion genug Platz für die Scheißekübel gemacht“ und „Danke für das zerschossene Wochenende“. Der Inhalt des Artikels ist brisant und kontrovers. Zusammengefasst geht es um einen verbal aus dem Ruder gelaufenen Manager eines Radherstellers, der auf seinem öffentlich zugänglichen, privaten Facebook-Profil den Rechtspopulismus übt. Dass die spätere Diskussion darüber solch einen turbulenten Verlauf nimmt, liegt wohl auch am massiven Befall der Community durch besagte Faktenintoleranz.

69 Stunden und 43 Minuten später wird die postfaktische Diskussion geschlossen. Nach einem Shitstorm sondergleichen, garniert mit 1964 Kommentaren, den ich federführend mit zwei Kollegen moderiert habe, ist es still geworden in meinem Schädel. Das, was sich an Gefühlen in den letzen Tagen in Form von Buchstaben manifestiert hat, sollte reflektiert werden. Diese Reflexionen werfen auch ein anderes Licht auf unsere Community. Das Forum ist nun zwar ein anderes als vorher, aber das ist unsere Gesellschaft ja auch seit der Flüchtlingskrise. Mehr als einmal wurde verlangt, politische Themen aus unserem Hobby herauszuhalten. Diesen frommen Wunsch der Straußenfraktion, die gerne wenigstens einmal am Tag den Kopf in den Sand stecken möchte, werden wir von MTB-News wohl nicht erfüllen können. Genauso wie sich unsere Gesellschaft mit sich selber auseinandersetzen muss, so darf sich auch eine Gemeinschaft von Hobbyenthusiasten mit sich selber und ihrem Sport, und den damit verbundenen Problemen auseinander setzen.

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#1 Quelle: Süddeutsche Zeitung

Alles was ich nicht kenne, muss weg! Gefühle statt Fakten, nur sind Gefühle ja trügerisch. Wer kennt nicht das erhabene Gefühl auf einer technischen Passage unterwegs zu sein, sie schnell und souverän zu meistern, bis…… ja bis uns der Baum, der Absatz oder die Spitzkehre zeigt, dass die Faktenlage doch mal wieder eine andere ist. Sich von Gefühlen leiten zu lassen ist ja nichts schlechtes in einer Diskussion, Emotionen treiben das Denken an. Aber warum sind die geäußerten Gefühle meist so negativ besetzt? Warum immer nur Hass und Wut? Warum wird immer versucht, mit diesen Gefühlen eine Faktenlage zu schaffen, die nicht der Realität entspricht? Eine Realität, in der sich Menschen ohne Kenntnis der Faktenlage durch Manipulation und Halbwissen zu Themen äussern, die sie nicht in Gänze durchblicken können? Ich übrigens auch nicht.

Warum sich nicht einfach mal darauf beschränken zu sagen, dass man einfach nur Angst hat, vor dem was kommt? Warum nicht einfach mal zugeben, dass man nicht weiß, wie es weitergeht? Trotz aller Vorbehalte auch einfach nur mal Mitleid zeigen. ICH habe Angst! ICH weiß nicht, wie es weitergeht. ICH habe aber auch Mitleid mit dem Elend der anderen. ICH bin kein Bahnhofsklatscher, aber auch kein AFD-Brötchen, kein Oköstromjunkie oder Wertkonservativer. ICH bin ein einfacher Bürger. ICH bin Mensch!

Ja, und ich bin besorgt! Besorgt darüber, dass unsere Gesellschaft nur noch aus Besserwissern, Rechtsanwälten, Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern besteht.

In den sozialen Medien kann jeder Verlierer ein Gewinner sein. Nach dem Motto „Du darfst fragen was du willst und ich antworte, was ich meine, was richtig ist.“ hat sich am vorletzten Wochenende so manch einer in unserem geliebten Forum als Freund eines neuen Volkssports geoutet – dem Hobbypopulismus.

„Zwei mal Drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht Neune, ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!“

Glaube an Grenzen und sie gehören dir! Mit welchen Allmachtsphantasien so einige unter uns durch das Netz stromern und versuchen, auf der Faktenlage manipulierter und falsch interpretierter Aussagen Menschen zu beeinflussen, ist schon arg bedenklich. Auch bezeichnend dafür der Schwanzklemmer: Er stellt das Kommentieren ein, ignoriert sein Gegenüber, wenn die Nachfragen zu detailliert werden oder der Fakt seinen Post verliert.

Es lässt sich auch ganz klar eine Grenze ziehen zwischen den Rattenfängern von links und rechts.

Die Altautonomen von gestern poltern herum wie gewohnt. Links von Mitte/Links bleibt eine Rechtfertigung auch schon mal im Schwall von Beschimpfungen stecken. Der neue Rechtspopulist hingegen kommt gediegener, hinterlistiger, manipulierender daher. Er versucht sich penetrant auf der Grenze dessen zu bewegen, was noch regelkonform ist. Sein Ansinnen ist es aber, die maximale Provokation und Konfrontation zu erzeugen. Er will das Andere, die Grenzen des feinen Geschmacks stellvertretend für ihn übertreten. Dann wird mit dem Finger auf den Gegner gezeigt, um selber mit der verbalen Keule ausholen zu können. Der von der anderen Seite der politischen Gesinnung soll als erster die Grenze übertreten.

Dabei gilt, dass Einfach das neue Kompliziert ist. Ob dies dann richtig oder falsch ist, das ist erstmal egal. Hauptsache es klingt gut. Und was die Politik vorlebt, darf für den gefühlten Wohlstandsverlierer doch recht und vor allem billig sein. Zur Faktenlage zurückkehren kam man ja immer noch, wenn es niemanden mehr interessiert.

Zum Ende sei gesagt, dass mir das Wort P R O B L E M auch viel zu negativ besetzt ist. Denn wie schon der Entertainer Heinz Strunk sagt: „Wer das Wort Problem untersucht, stellt fest, dass Pro ja eigentlich FÜR heißt. Probleme sind somit ja eigentlich für uns und nicht gegen uns gemacht, sonst hießen sie ja Antibleme.“

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi