Ich lebe mein Leben digital

„Kannst du nicht mal das Handy aus der Hand legen?“ Es wird häufiger gedacht als gesagt. Den einen nervt es, der andere sieht sogar unsere Abendkultur durch die digitale Gefahr am Abgrund stehen. Wir verkümmern in unserem Leben zwischen Facebook, Twitter, Google und Instagram. Seitdem wir nicht mehr das Haus verlassen müssen, um unsere Freunde zu treffen, verlottern wir.

Wir opfern den sinnesorgan-subventionierten Sozialkontakt für ein wenig Seelenonanie im Netz. In ein paar Jahren, wenn unsere Gesellschaften zusammen gebrochen sind, wird der Film „Surrogates“ mit Bruce Willis Wirklichkeit geworden sein. Dann wird sich niemand mehr die Frage stellen, ob es ein Leben vor dem Internet gab. Wir vergessen schnell. Das klassische Sozialverhalten der pre-vernetzen Zeit ist tot, die Trauerzeit jedoch noch lange nicht vorbei.

Sogar beim Sport geht es nicht mehr ohne eine vernetzte Welt. Garmin, Strava, Endomondo, Runtastic, wir haben unseren Sport verdrahtet. Quatsch, was rede ich da? Verdrahtet, was ist das?Ihr habt doch auch sicher W-LAN im Wald und für jedes Problem eine App im Anschlag eures Handyholsters. Kommt der 5-Sekunden-Klicker dann nach Hause, wird erstmal gepostet was das Zeug hält. Die Heldenrunde bei Strava hochgeladen, das Poserbild bei Instagram, der Heldenbericht auf Facebook und während der Fahrt werden die aktuellen Pegelmeldungen des Laktatstandes bei Twitter unter #Laktatpegel in die freie Welt gefunkt.

Als letzte wichtige analoge Tätigkeit in unserem aufregendem Leben wird das Radfahren zu guter Letzt auch noch digitalisiert. Ab auf die Rolle und herzlich willkommen bei der Zwift-Indoor-League.

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Permanent muss das ganze Netz abgearbeitet werden, da laufen ja noch mehr Poser rum, die wollen alle einen Like. Aber ein Like reicht nicht, Kommentare und Teilungen im Netz müssen her. Der nötige Traffic muss sichergestellt sein, um die Anwesenheit zu dokumentieren und die Abwesenheit zu entschuldigen. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Freunde gehabt. Es ist auch ganz egal was man postet, „Sinnfreiheit“ ist die gelebte Ausdrucksform im digitalen Universum. Hauptsache man ist in den TopTen der „meisten Beiträge“ und der meisten „Gefällt mir“-Angaben.

Ganz schön anstrengend, so ein virtuelles Leben. Früher haben wir alle abends vor der Flimmerkiste den Abend ausklingen lassen. Da gab es wenigstens noch das Gefühl, was gemeinsames mit den Liebsten zu tun. Heute schicke ich eine WhatsApp ins Kinderzimmer, wenn das Essen fertig ist. Die nächste WhatsApp dient zur Kontrolle, ob die kleinen Erwachsenen auch schlafen.

Final wird dann ein eigener Blog ins Netz gesetzt. Das ist dann Seelenonanie in Höchstvollendung. Das Hintergrundwissen, eine Homepage zu erstellen ist nicht vorhanden. Wo soll denn auch, neben der ganzen Arbeit rund um die Selbstinszenierung, noch die Zeit dafür hergenommen werden? Zu erlernen, wie das System, dem man sich ausliefert funktioniert, ist nun wirklich zu trivial.

Nach einem arbeitsreichen Tag, der erst richtig nach Feierabend anfängt, sinkt der Spitzenliker dann erschöpft ins Bett. Letzte Amtshandlung ist es, das Handy auf Schlummern zu stellen. Wenn der Morgen graut, graut uns davor, was das Internet in der Nacht alles angestellt hat. Die Sorge, etwas verpasst zu haben, treibt uns um. Erstmal die 82 Whatsapps checken, die Stravasegmente und die Fahrten der Follower kontrollieren, und dann mal schauen was die Radfahrwelt so über Nacht bei Facebook wieder angestellt hat. 2 Tassen Kaffee bringen den Kreislauf in die nötige Rotation. Denn Aufmerksamkeit ist gefordert: bei Links zu der neusten Verordnung des BdR, den abstrusen Regeländerungen bei irgendeinem 24h-Rennen und dem tollen Video über den 3fach gesprungenen Rittberger von Danny MacAskill. Endlich ist es Zeit, um zur Arbeit zu gehen. Da kann man sich etwas ausruhen vom Trainings- und Socialmedia-Stress.

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Freizeit- und Socialmedia-Stress, ausgelöst durch Bloggorhö, da ist dann wohl was schief gelaufen. Es gibt Menschen, die „Digitalfasten“ praktizieren, um ihre Bits und Bytes wieder in Einklang zu bringen. Es ist schön mit anzusehen, wie der geplagte Blogger während dieser Fastenzeit langsam, aber stetig wieder das Sprechen erlernt. Klangschalen sollen sogar dabei helfen, die Seele wieder in eine ausgeglichene Rotation zu versetzen.

Früher wurde vor viereckigen Augen gewarnt. Das hat uns aber genauso wenig vom Glotzkonsum abgehalten wie die Aussicht auf Erblindung durch Selbstbefriedigung. Es wird immer Initialzündungen geben, welche unser Sozialverhalten verändern. Die Frage, die man sich heute stellen muss ist doch vielmehr, wie wir mit dem digitalen Angebot umgehen, dem wir rund um unseren Sport ausgesetzt sind. Dass sich Menschen durch den Gebrauch neuer Medien überfordert fühlen, ist verständlich. Auch die Faszination über die Masse an Informationen, die das Internet bietet, ist so normal, wie die großen Augen eines Vierjährigen am Eingangsportal zum Phantasialand.

Und natürlich ist unsere Entwicklung zu einer narzisstischen Gesellschaft von Selbstdarstellern eine natürliche Folge des praktizierten Voyeurismus in den sozialen Medien. Da kann man darüber sinnieren, ob früher alles besser war, oder wie man sich bewusst analogisiert. Das macht aber keinen Sinn. Es geht vielmehr darum, wie man mit der Vielfalt umgeht. Es muss nicht alles gelesen werden, was im Netz verbreitet wird. Wir haben uns schon lange vom Grundsatz „Qualität vor Quantität“ verabschiedet. Seitdem sich jeder aus einer Zwangshaltung heraus der Welt mitteilen muss, sollte man sich als Konsument reglementieren. Man darf darüber entscheiden, Inhalte im Netz nicht zu lesen, obwohl sie vorhanden sind. Reduktion als Schlüssel zum interaktiven Glück.

Allen, die sich jetzt fragen, warum sie den Scheiß gelesen haben, empfehle ich folgendes: Zurück an den Textanfang scrollen, drei Sätze lesen und feststellen das es sich hier wieder um einen unsagbar selbstdarstellerischen Text handelt. Dann bewusst die Entscheidung treffen, nicht alles lesen zu müssen was die virtuelle Radsportwelt zu bieten hat und glücklich über eine selbstgetroffene Entscheidung sein. Benutzt dann eure Klangschalen!

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi