Sind wir nicht alle ein bisschen querfeldein?

Querfeldein!? Wer sich die Frage des „Was ist das“ stellt, ist definitiv nicht in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen und hat sich somit natürlich eine Erklärung verdient. Heute kennt man Querfeldeinradfahren eher unter dem hippen, globalisierten Namen Cyclocross.

Wenn man der Medienlandschaft glauben schenkt, könnte man fast glauben, das Rennrad ist neu erfunden worden, seitdem Cyclocross in Deutschland wieder in aller Munde ist.

Sagenhaft, da hat man extra, um der Hipsterkultur gerecht zu werden, einem Rennrad Geländetauglichkeit verpasst und schon sprießen neue Modelle und die dazu passenden Cyclocrossrennen aus dem Boden. Um das ganze auf die Spitze zu treiben, muss die Industrie in ihrem Kategorisierungswahn auch noch neue Radklassen schaffen. Gravelbike oder New Road, so heißt das nun.

Schöne Idee der Industrie, dem gepflegten, tätowierten Bartträger, mit Spuren von Fäkalbakterien im Gewölle, das Gefühl zu geben, neben Fixies auch noch den Cyclocross-Sport erfunden zu haben. Dazu haben sie auch noch die Wolle des totgeglaubte Merinoschafs als einzig wahren Bekleidungsstoff wiederentdeckt.

Dazu kommt dann noch der gelebte Vegetarismus als einzig wahre Ernährungsform hinzu. Des Fleisches Lust los zu sein, ist nämlich die einzige Möglichkeit sich gesund und bedarfsorientiert zu ernähren und hip dazu. Was kommt als nächstes? Werden Frutarier die neuen Eliten einer besseren Gesellschaftsform? Bravo, demnächst retten vegane Hipster auch noch die Welt. Frei nach dem Motto „Der Bart des Hipsters ist dem des Salafisten sein Tod“ wird die mainstream-konvertierte Eitelkeit über Religionsintoleranz siegen. Immer mit dabei: ein Crosser auf der Schulter und ein medienwirksames Lächeln im Gesicht. Wir schaffen das!

Dabei ist das Querfeldeinfahren Jahrzehnte lang einfach nur der Inbegriff für eins gewesen, die Natur mit dem Rad zu erfahren. Fahrer wie Klaus-Peter Thaler und Mike Kluge zogen mich in meiner Kindheit in ihren Bann. Nach der Sportschau ging es nach draußen und wir bretterten mit unseren Renn- und Bonanzarädern durch das Unterholz. Die Mountainbikes liefen in den 90zigern dem Querfeldeinradsport in Deutschland den Rang ab. Irgendwann führten Querfeldeinrennen nur noch ein stilles und bescheidenes Schattendasein in der Wahrnehmung deutscher Radsportenthusiasten.

Das ist jetzt vorbei. Seit Jahren erlebt Cyclocross in Deutschland eine Renaissance. Die Begeisterung für diesen Sport, der in Frankreich, Belgien und Holland nie an Popularität eingebüßt hatte, hat seinen Weg nun auch zurück zu uns gefunden.

Dabei gibt es doch viel mehr Gründe, warum Querfeldeinräder wieder so populär sind. In Belgien hatte man noch nicht mal ansatzweise in Zweifel gezogen, wie vielfältig nutzbar solch ein Rad ist. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum Belgier die Cyclocrossszene dominieren. Cyclocrossen ist mehr, als nur in der schlechten Jahreszeit den Schlammspringer bei Massenevents zu spielen. Cyclocross ist ein Ganzjahressport. Ist man auf dem Mountainbike noch durch die Suggestion von Federweg und Reifenbreite in dem Glauben, den Untergrund besiegen zu können, bezwingt man ebendiesen auf einem Cyclocrosser vorausschauend und fahrtechnikaffin.

Das Fahren mit dünneren Reifen und feinerer Kassettenabstufung bei gleichbleibend hoher Trittfrequenz lassen das Geländeradfahren neu erleben. Man sollte dazu auch noch in Betracht ziehen, dass ein Großteil der Deutschen weder in den Alpen noch den Mittelgebirgslagen lebt. Somit spielt das Cyclocross noch einen Vorteil aus: seine Flexibilität. Da wo die Bergprozente fehlen, der gemeine Feldweg und die stupide Waldautobahn das Bild bestimmt, da braucht es auch nicht zwingend ein Mountainbike. Das wird dann wohl auch der Hauptgrund sein, warum sich bei unseren Nachbarn in Benelux das Cyclocross schon immer so großer Beliebtheit erfreut.

Mit der neuen Kategorie der Gravelbikes, die sich näher an den gewohnten Rennradgeometrien orientiert, wird der Umstieg vom Rennrad auf das Geländerad leicht gemacht. Auf einer vertrauten Rahmengeometrie sitzend an der Fahrtechnik zu feilen, macht es nun auch für Rennradfetischisten einfacher, den Untergrund zu wechseln.

Wenn ich jetzt aber den Umkehrschluss ziehe, dass ich dann vielleicht demnächst wegen der Aussicht auf einen Gravelbiketest in 2017 auch noch auf dem Rennrad lande, ja dann… Auch stellt sich die Frage, welchen Sinn es macht, ein Hardtail für den schnellen Einsatz im leichten Gelände zu modifizieren. Statt eines Umbaus auf starre Gabel, dünne Reifen und wenig Profil, kann man eigentlich auch direkt auf das Querfeldeinrad umsteigen. Dazu kommt, dass man ein Mountainbike küssen kann soviel man will, es wird kein Crosser werden. Also lasst uns was für das Bruttosozialprodukt tun und uns ein weiteres Rad in den Keller stellen. Ich habe den Schritt nicht bereut und mir nebenbei einen Kindheitstraum erfüllt.

Und da die Querfeldeinsaison gerade wieder beginnt, eine kleine Empfehlung für alle, die noch nicht wissen was sie am nächsten Wochenende tun sollen.

In diesem Sinne, Think Pink – Eure Muschi